Du sollst kein Bild machen
Glück hätte er haben müssen, wenn sich in Gegenwart seiner Bewerbungsmappe um das Pult herum wenigstens eine Diskussion entwickelt, sich wenigstens geringfügiges Interesse eingestellt hätte. Normal wäre es gewesen, wenn man es kurz durchgegangen wäre, das Werk, und dann ignoriert hätte.
Hören Sie, Frau Professorin Soundso, Teile der Mappe finde ich ja schon interessant, ich sehe auch Parallelen zu Warhol (gibt es nichts größeres für einen Künstler, als mit Warhol oder Beuys verglichen zu werden, am besten aus dem Munde eines ganz großen Kuratoren?) und auch technisch nicht unmeisterhaft, aber das Konzept, ja, wo ist das Konzept? Ich meine, und dabei deutet die Expertin auf eine Nachbarmappe auf einem Nachbartisch, hier die Gabriela, die versucht mit geometrischen Figuren die Fläche auszufüllen, das hat Hand und Fuß, sowas sehe ich nicht bei, wie heißt der... komischer Name. Ist das der Vorname? Ein emiritierter Professor, der sich in seiner Freizeit noch der Beurteilung von Einsendungen widmet, weil er innerlich spürt, dass sein kunstmissionarischer Auftrag noch nicht ausgelaufen ist, meldet sich zu Wort.
Also isch waas anet, mir fählt do ärschendwie des Relischiöse, des Spiriduälle in där Mabbe. Des is doch di dodale Willkür, odä Renate? Und wo issen do die Eibeddung in de kunsthisdorische Kondäxt?
Vielleicht hätten sie ihn doch eingeladen, aber nur um ihn billig abzufertigen und ihm zu sagen, hör' doch mal zu, du bist doch intelligent oder, wir haben da ein Problem mit unserem WLAN-Router, und das hätte er natürlich locker hingekriegt, in kürzester Zeit. Er hat ihn ja erfunden, indirekt. Ach ja und noch was, wie ist denn das jetzt mit der Mehrwertsteuer, ich hab mir eben beim Hausmeister 'ne Bockwurst geholt, die aber gegessen, während wir über deine Mappe gelacht haben, also nicht vor Ort, muss ich jetzt sieben oder neunzehn Prozent zahlen? Du kennst dich doch aus mit sowas, du kleine Realistenschlampe, oder? Naja, und dann hatten wir natürlich alle den schwarzen Samtsack auf dem Kopf, während du da warst, damit wir nicht kotzen müssen. Können wir das beim Finanzamt als Arbeitskleidung geltend machen? Die Säcke haben schließlich auch ihr Geld gekostet. Und jetzt raus mit dir. Was? Nein, schlag dir den Studienplatz aus dem Kopf, wir nehmen die Tatjana, die malt mit historischem Fußschweiß, oder den Ingo, der die Landschaftsmalerei neu interpretiert. Ästhetisch? Erstens kommt es darauf nur beschränkt an und zweitens, schick lieber eine Bewerbung an die TU-Darmstadt, Materialwissenschaften, da schlägst du alle. Wir finden, dass du der wirklich geborene Ingenieur und Architekt bist, genialer Erfinder und Techniker, Mathematiker, Logiker und so weiter, aber kein Künstler. Dazu fehlt dir die Dummheit, mein Kleiner. Du liegst doch mit deiner Idee des blanken Daseins vor jeder Ästhetik. Gott wäre ganz schön gefrustet gewesen. Das heißt natürlich nicht, dass er dann gleich Pläne für den Osten geschmiedet hätte.
Der letzte Satz ist so wahnsinnig lustig, dass ich mir in die Hose mache. Ich meine wozu sonst dient Humor, wenn nicht die verrückten Grenzen der Moral (sprachlich!) zu überschreiten. Wohlgemerkt sprachlich, oder meinetwegen auch künstlerisch, in Karikaturen zum Beispiel. Die Handlung, das muss man bewerten. Die Handlung. Und jetzt komme mir niemand mit Austin oder Searle. Man könnte sich sowieso einmal überlegen, was es heißen würde, wenn es erlaubt wäre, alles zu sagen. Man könnte sich überlegen, ob wir an einem Ort leben, an dem die wertende Funktion von Sprache überschätzend missverstanden wird. Dass man es als geradezu primitiv bezeichnen könnte, wie das geschieht. Dass es möglicherweise geistig beschränkt ist, sofort entsetzt aufzuschreien, wenn jemand sagt, alle linken Studenten haben Fußpilz. Als hätte dieser jemand etwas gegen linke Studenten gesagt. Hat er gar nicht. Er hat doch nur etwas gesagt. Erstens haben etwa 20 Prozent aller Deutschen sowieso Fußpilz (worauf meine Mutter neulich meinte, dass noch einmal jemand sagen sollte, wir Deutschen hätten keine Kultur. Ich habe aus Scham und Ehrgefühl ihr sofort den Prometheus von Johnny G ins Gesicht geflammt). Zweitens ist es doch auch wichtig, dass diese Leute Fußpilz haben! Nein. Ich will ja nur sagen, dass linke Studenten mengentheoretisch betrachtet ein höchst paradoxes Phänomen sind: Zwanzig Prozent von ihnen sind gleichzeitig alle.
Das mit der sprachlichen Wertung könnte man alles lange diskutieren, zum Beispiel weil es so einfach doch nicht ist, aber nicht hier, denn ich habe mir gerade in die Hose gemacht. Das hat jetzt Vorrang! Das liegt aber nicht daran, dass der Satz so lustig war, sondern kommt vielmehr daher, dass ich mir generell in die Hose mache. Schon immer. Konsequent. Aber wozu liegt da sonst ein Toilettenstein "Orkan der Frische" (was anderes hilft nicht gegen die seit Jahren hier im Dorf vehement verlangte Ausbürgerung) und drei Bahnen Supersaugstark-Zellstoff aus der Sabotagetechnik in meiner Unterhose? Richtig, aus Erfahrung. Ja. Und das demonstriert auch, warum Gott abgelehnt wurde. Gott denkt so wie ich. Er hat eine Situation, in meinem Fall, ununterbrochener und leidenschaftlicher Harndrang, unkontrollierbar, wie ein Wildbach oder Wolkenbruch. Der Energieerhaltungssatz in seinen Grenzbereichen, denn ich trinke eigentlich nicht sehr viel. Und dann handelt Gott gemäß dieser Situation. Wie ich, wie die Russen. Zweckmäßigeit, Verhältnismäßigkeit der Mittel, Effizienz. Das sind die Koordinaten seines Vorgehens. Deswegen wurde er auch abgelehnt. Nehmen wir den supersaugstarken Zellstoff, eigentlich ganz im Sinne der Gott'schen Methode. Eigentlich eine Erfindung antikapitalistischer Untergrundingenieure des Arbeiter- und Bauernstaats, die dem Westen per Schwamm-Flugzeugabwurf die Wolken austrocknen und den Wasserkreislauf sabotieren wollten. Zum Einsatz kam der Schwamm nicht. Man will wissen warum? Ganz einfach. Ich habe damals derartig viel Geld geboten für diese Technologie, dass der Osten mit meiner finanziellen Unterstützung zu dem geworden ist was er heute ist: Überlegen in allen wirtschaftlichen Belangen. Und die Funktionäre konnten sich soziales Handeln auf die Fahnen schreiben, denn ich wusste nicht mehr ein noch aus, bis man mich rettete.
Wie gesagt ein perfektes Beispiel für die Denke Gottes. Die Erde inklusive unserer Existenz ist nichts weiter als ein solcher Schwamm, selbstverständlich Dimensionenenen (der sogenannte multiple Plural ist morphologisch einzigartig in unserer Sprache und gibt bekanntermaßen eine besonders große Zahl der Referenten zum Ausdruck) gewitzter und heftiger, ja, Gott, der Meistertechniker, der kosmogene Ingenieur, an der Kunst-Uni hat so jemand nichts zu suchen. Und das muss er auch einsehen, dass er da sein Potential verschwendet. Das Zweckfreie liegt ihm nicht.
Was will man ihm das denn anlasten? Er hatte eine gute Idee mit seinem Planeten und dem was zu Gelächter führte, als er es am Stammtisch zum ersten Mal Mensch nannte. Lange bevor die anderen Götter nur an so was dachten.
Und was ergibt sich daraus für uns? Es ist so. Wenn wir in einer unsinnigen Welt lebten, dann müssten wir konsequenterweise unsinnig handeln. Das wäre nur stimmig. Wenn wir das also übertragen wollen auf die Situation überragender Raffinesse der Verwaltung, gerade hier in Deutschland und in der EU, in einer Phase der holistischen Komplexifizierung bürokratischer Administration: Es muss Zufriedenheit herrschen. Warum? Weil es methodisch im Einklang steht mit den Gefühlen unseres sensiblen kleinen göttlichen Schöpfers. Regeln, Verordnungen, Gesetzmäßigkeiten, Anleitungen, Gebote, alles ein rechtmäßiger Grund zur Masturbation, am besten zu Mozarts Requiem. Deshalb, erstens weil es oben angesprochen wurde, und zweitens weil ich arbeitend etwas damit zu tun hatte jüngst, und drittens weil es immer noch miese Arschlöcher gibt, die verschlafen oder den Bus verpassen und drohen damit alles kaputt zu machen, ein kleiner Auszug aus der Liturgie, der Umsatzsteuerparagraph 15a nach Lukas:
Nein doch nicht, denn es war nicht meine Intention, irgendwie gegen die Bürokratie zu wettern. Ehrlich. Ich kenne mich in dem Gebiet nur so schlecht aus, dass der fahle Nachklang von Bildzeitungsniveau nicht zu vermeiden gewesen wäre. Ich meine, es war doch auch so lustig, oder?
Schlussnotiz: Womit wir gezeigt hätten, dass Gott kein DJ ist, wie es uns der Text eines Techno-Titels sagen möchte. Denn auch der DJ ist doch ein Künstler. Dazu muss nicht erst Scooter Texte von Thomas Bernhard lesen (was er tatsächlich gemacht hat).
Irgendwie Spiritualität
Oder? Das ist doch die Tatsache Nummer eins irgendwie, dass man da ist und alles andere auch. Dass diese ganzen Leute da sind, die Familie und die Arbeitskollegen und so, und die Leute, die grad' irgendwas in der Hand halten in irgend'nem Geschäft oder Schlafzimmer und dass man in den Spiegel glotzen kann oder aus dem Fenster. Ich mein, das kann man sich doch alles gar nicht erklären. Und das Gerede, von dass Leben hat zwar keinen Sinn, man muss seinem Leben einen geben, find' ich schwul. Und Selbstfindung und so. Das ist doch aus. Selbstfindung is' doch nur sich entschieden haben, wo man jetzt mitmachen muss. Das ist doch Kindergarten. Ich hab meine Philosophie, nenn' ich das jetzt mal, für mich gefunden. Ich mein', dass es uns gibt, und dass wir Gefühle ha'm und so. Ich muss mir doch nich' von 'nem Professor oder Priester erzählen lassen, warum das alles so ist. Oder die Glotze anmachen, weil es ja eh so is wie es is.
Dass man einfach so nachdenken kann. Alles anfassen kann. Und so krasses Zeug passiert. Klar hört das irgendwann auf, dann ist man halt tot. Dann stürzt man halt im Flugzeug ab. Oder? Und das mal was schlimmes passiert. "Ich bin das Werkstück der Wirklichkeit". Aber das is' eigentlich nich' so mein Sprachstil, also nich jetzt hier in dem Text. Ja, schlimme Sachen gibt's. Was soll's, das gehört dazu. Soll man damit jetzt irgendwie umgehen? Soll ich das etwas jetzt verarbeiten, oder was!? Was sollen das sein, verarbeiten? Warum reden die alle so viel? Also ich jetzt, ich komm anders nich' klar, als das alles durch mich durch fließen lassen. Ja, klar. Das jetzt ma' in den und den Worten formulieren. Blödsinn, ich will leben. Ich will mich beim Erleben filmen. Soll ich mir jetzt hier und da zu dem und dem so und so'n Verhältnis erarbeiten, oder wie? Warum denn, ich mach' niemandem was. Ich hab' Respekt. Für mich isses so: Dass einfach alles da ist, das is' für mich Gott.
Es kommt darauf an, Zusammenhänge zu erkennen
"we live in the post-connected age." Häkelarbeit mit Knüpfintarsien: Vermutlich Allgäu oder Rheingau, undatiert (wegen der Parallelen zum dortigen Dom vermutet man die Beteiligung einer Regensburger Werkstatt, Nürnberg kann aufgrund der Kolorierung ausgeschlossen werden)
Was bin ich froh, an der Universität gelernt zu haben, Zusammenhänge zu erkennen - Webearbeiten des Schöpfers zu sehen. Der intelektuell betuchte Mensch begann bereits auf dem Gymnasium diese große Fähigkeit erfolgreich zu erlernen. Apropos Gymnasium: Bitte kein Turboabitur einführen, ja?, liebe Verbraucherschützer, Jusitzminister und so, ja? Bitte? 13 Jahre Gehirnwäsche sind gerade gut genug. Vor allen Dingen die Kreativen müssen mit besonderem Einfühlungsvermögen verstümmelt werden. Ich habe gestern zum Beispiel meiner Nachbarin, fünfte Klasse, versucht beizubringen, wie man Adverbiale von Präpositionalobjekten unterscheiden kann. Na, wenn das Fragewort die Präposition enthält ist schon mal ein guter Hinweis, aber verlass' dich nicht drauf!
Genau das richtige Material für so ein Balg. Ist mir sowieso zu lebensfroh, das Vieh. Auch in puncto Desorientierung übt sich früh! Aber: Wo wir schon Zusammenhänge sehen können: Haben wir nicht aus unserer gemeinsamen deutschen Geschichte gelernt, wie unheilvoll 12 Jahre sein können? Oder meinten die Reformer etwa genau das?
Aber natürlich, trotz aller Zynik, ist es natürlich vollkommen richtig, dass es pervers ist, den Abiturienten bereits nach 12 Jahren in die kapitalistische Verwertungsgesellschaft zu inkarzerieren. Schon mit dem Bachelor- und Mastersystem hat man uns knallhart klargemacht, dass es etwas wie Arbeit gibt, wo wir doch dachten, dass sei nur eine Hypothese von Henry Ford, eine Hilfskonstruktion bei Marx.
"Aber das interessiert mich alles nicht. Sollen die Leute über Arbeit und Bildung denken worauf sie Lust haben. Was mich betrifft, von mir könnt ihr die lausigen acht Mücken haben, mir doch Latte. Und wenn ich Frühschicht habe, dann habe ich sozusagen halt 'ne Morgenlatte. Ich meine, ich schlafe am liebsten, und wenn werktäglich noch weitere acht Stunden Schlaf hinzukommen ist mir das egal. Mir ist es eh nicht gelungen irgendeinen anständigen Lebensentwurf zu entwickeln, von daher, greift zu. Ich vermisse nichts. Das macht dann 3 Euro 38.", sagte mir die Mutter eines Jugendfreundes (ich bin mit ihm mit dem Fahrrad ständig 'durchs Ort' gefahren und einmal hab ich mit einer grifflosen Feile vom Sperrmüll den Plexiglasschutz vor einer Touristikinfotafel eingeworfen, was ich meiner Mutter heulend gestanden habe eine Stunde später). Sie kassiert jetzt im Rewe. "Ich arbeite für mich und nicht für den Staat."
Ich wollte gerade vom Steuerbüro (ich kenne jetzt die Abkürzung für Gewerbesteuermessbetragzerlegungsbescheid, nämlich Gewerbesteuermessbetragzerlegungsb.) nach Hause fahren, und legte den Zwischenstop bei einer öffentlichen Konsumguterwerbsanstalt ein. Mit Pizza und Strohalmen bin ich dann tatsächlich aus der Einfahrt aus dem Parkplatz hinausgefahren.
Und dann hat es gekracht (ich hasse diesen Satz). Ein Leidersbacher Rübenbauer (Kettenraucher, ledig) ist mir in die Seite gefahren, seine Anhängerkuppel wurde aus der Verankerung vom Unterboden herausgerissen - aber nicht vollständig - und wickelte sich um den Heckspoiler meines Astra. Meine Windschutzscheibe wurde eingesplittert, eingedrückt und aufgerollt. Sie räkelte sich um die UKW-Antenne meines Unfallkontrahenten, solche verbog sich u-förmig, passierte mit ihrer ersten Biegung mein rechtes Bremslicht (natürlich nicht meines) und führte sich schnurrstracks in die Auspuffpfanne. Und so weiter, und so weiter.
Es würde zu weit führen, die Topologie des Gebildes näher zu erläutern. Es hatte etwas Vierdimensionales. Ich konnte mich nur mit einem achteinhalb gebückten Auerbach aus dem Tankdeckel befreien, riß mir dabei aber beide Lippen ab. Mein Unfallpartner musste alleine sieben Kilometer kriechen, um aus dem Gebilde zu entkommen.
Vollkommen ausgelaugt und abgekämpft blickten wir uns ratlos in die Augen, bis einer von uns begann zu reden, ganz gleich wer es jetzt war (eine der beiden Stimmen hörte sich merkwürdig an, irgendwie vergrößert).
- Können sie mir jetzt den Zusammenhang zwischen unseren beiden Wagen erklären.
- Es scheint mir etwas Mechanisches zu sein.
- Eine Verbindung.
- Ja, aber ganz wörtlich zu verstehen. Was haben Sie für eine Schulbildung?
- Ich bin übrigens die Mutter ihres Jugendfreundes.
- Ausgeschlossen, die sitzt da drinnen an der Kasse. Sie wollen das also nicht beantworten.
- Sehen sie, wie hier der Kühlertopf ihres Astra mit der von Unfallflüssigkeit herausgespülten Kardanwelle meines Gebrauchtwagens zusammenhängt?
- Ich weiß nicht, sieht aus wie ein Koitus. Leidenschaftlich irgendwie.
- Jetzt weiß ich, was sie meinen.
- Dann war ich das an der Kasse also selber?
- Nein, das war ich.
- Nein, ich.
- Also ich war es nicht.
- Was ist eigentlich Unfallflüssigkeit?
- Unfallflüssigkeit wir bei jedem Unfall freigesetzt.
Meine Herren, was ist denn hier los, wie haben sie das denn angestellt. Ein junger Polizist machte sich knapp hinter uns stimmlich bemerkbar. Er hatte die Äste eines Strauches zur Seite gefaltet und kuckte recht witzig. Wir antworteten ihm nicht. Die Situation verblasste.
Synthiepop
Wir waren in unserer Jugend also vielleicht nicht für uns, waren vielleicht nicht in uns und das Innen war vielleicht nicht das Alles, und das Alles war nicht wir, vielleicht, und jetzt als sogenannte Erwachsene, in jungem Stadium, also momentan, arbeiten wir, oder müssen das bald tun, jedenfalls stecken wir in ganz konkreten lebensweltlichen Verhältnissen, begonnen beim Broterwerb und als Linie über alle Gewohnheiten und Verpflichtungen weitergeführt. Was verdammte Speise soll aus uns werden, wenn wir denn glauben unsere Jugend nicht genutzt zu haben? Wenn wir daran glauben... Wenn wir eine Jugendliebe vermissen zum Beispiel, wenn wir in dem intemporären Zustand sind, nur als Beispiel, eine Jugendliebe zu vermissen, sei es subjektiv auch dämlich, mitunter als die typisch unerträgliche Schönheit von Schmerz zum Ausdruck gebracht. Wenn wir nicht frei waren, oder wenn wir uns das auch nur einreden – kann sein, wir vermissen gar keine Jugendliebe, vielleicht hatten wir auch eine – aber wenn wir nicht überzeugt sind, zu hundert Prozent frei gewesen zu sein, und es jetzt ganz bestimmt nicht sind, dann werden wir in Zukunft nicht das Bedeutungsfeld von Freiheit überwinden, weder in der Tat noch im Geist. Was nebenbei erwähnt eine Freiheit höherer Stufe darstellen würde, die sogar höchste Form von Freiheit, die dem Menschen zur Verfügung steht, und je vollkommener er sie auslebt, desto göttlicher wird er. Das wissen wir nicht aus der Antike, sondern das ist einfach so.
Wir sorgen uns, nach termingerechtem Ablauf unserer Kindheitsjugend, dass wir nie wieder den Illusionslosigkeiten entfliehen können, die aufgekommen sind im Zuge der Zwangsumsiedlung von Form zu Inhalt. Aber wir redeten von einem Gegensatz, und den gilt es zu domestizieren und einem entzückenden Zierblütler gleich aufzuziehen. Tun wir das nicht, wird dieser Gegensatz und Widerspruch ebenso wertvoll sein wie ein Schubkarren voller alter Hornhaut dem klassischen Schönheitsideal genügt. Unser Leben wird für immer ein Leiden an einer Art bewussten Inkonsistenz an sich sein, wenn wir nicht die Hornhaut entfernen, das Blech polieren, ein neues Rad montieren und den Schubkarren auf einen Marmorsockel in den offenen Säulengang vor die Pinienwälder und prachtvollen Sonnenaufgang stellen.
Folgendes ist dringend zu erreichen... Wir machen uns jetzt, momentan, in der ganzen Gewohnheit privater Enge und im Jargon der Ausführlichkeiten der auswärtigen Anstrengungen im Beisein der Tatsache von gewesenen jungen Jahren, so unfrei, wie es nur geht... Wir versklaven uns an das Geräusch zufallender Kühlschranktüren und Startbildschirmen von Betriebssystemen. Müssen wir uns enteignen von unserer Fantasie und unserer Lust, uns fesseln bis zur Implosion, damit wir in unserer Zukunft mit vielen anderen Dingen außer nur mit der Lunge atmen können? Und zwar mit allen? Ja!(*)
Dann wird es in der Zukunft keine Gesellschaft mehr geben, und kein Ich, es wird gar nichts mehr geben, man wird nicht einmal mehr "Parasitäre Geophagen im Blickfeld paläoanthropologischer Heuristik" sagen, um sich lustig zu machen über die vollkommen absurde Verästelung zu Wort gebrachter Menschenerkenntnis bisweilen. Auf so etwas wird man gar nicht mehr kommen. Alle Begriffe werden gesprengt sein.
Wenn ich in der Zukunft bin, werde ich nicht mehr das "Jugendkunstleben" träumen, ich werde gar nicht mehr wissen, was träumen ist, ich werde schreiben können was ich will, und zwar werde ich Grundsätzliches zu dieser Welt sagen, Grundlegendes, ich werde ausholen zum lauten Gongschlag auf dem Turm der monotheistischen Thanatologie. Wenn ich schreiben können werde ohne Begriffe zu gebrauchen. Ich, der ganze allgemeine Mensch, werde Versepen schreiben von griechischer Schönheit, ich werde, aus einer Ming-Vase wachsend, in Jamben und Haikus von Liebe und Schicksal singen, ganz gleich, ob ich das mit der verbliebenen freien Hand als Bomberpilot auf dem Schoß unternehme, während ich den Bericht vom Maschinisten entgegennehme, oder im Wohnzimmer, wo ich in eine homosexuelle Dreiecksbeziehung verwickelt bin, und mich aus Angst vor dem Geschlechtsverkehr unter dem Tisch verstecke, dort, wo ich einst einen Kugelschreiber fand unter der längst nonaktuellen Fernsehzeitschrift.
Die Medien sprechen heute doch ohnehin alle die gleiche Sprache, selbst, aber gerade auch, die entlegensten kommunalen Boulevardblätter. Ohne Ironie oder irgendwelche Verschleierung und Verschwiegenheit geben sie uns direkt zu verstehen, dass die Außenwelt immer unwichtiger wird. Wir werden diese Botschaft gar nicht mehr wahrnehmen können. Mit der Methode der Assonanz von Dissonanz und Konsonanz werden wir schreiende Wahrheiten brüllen, ohne den Mund zu öffnen, wir werden die Körpersprache eines Herkulesmuskels zum Gesamtkonzept der Tatsachen machen, wenn wir uns erst einmal einige Jahre schlafen gelegt haben werden, zum Erstaunen der Mittellosigkeit irgendeiner depressiven Tendenz oder regressiven Demenz. Und wenn die Stille dann dem Heulen des Windes weichen wird, und wenn wir – die Schlafwandelnden – uns erheben werden... Nicht wir werden aufgewacht sein, sondern der Schlaf. Wir werden von Glück sprechen können.
Ruhe im Saal. Ich möchte jetzt nämlich einen sehr scharfsinnigen Begriff definieren. Der Begriff ist All und ist dadurch, und zwar hinreichend und exklusiv, bestimmt, dass es der allgemeinste Begriff ist auf der ganzen Welt. Er verweist auf sich selbst und beinhaltet sich also selbst. Der ein oder andere Philosoph würde sagen, dass er sich bewegt. Und jetzt möge mir niemand ins Wort fallen, dass dies ein Widerspruch ist. Wenn es doch ein Subjekt wagen sollte, dann werde ich an der Kasse seine Eltern ausrufen lassen, ist das klar?
Wenn wir uns momentan um die Architektur des Gegensatzes zwischen Traum und Welt kümmern wollen, um die kuppelförmige Brücke über das All, das selbst nicht mehr begrifflich ist sondern strukturell die Überwindung des Gegensatzes zwischen zwei vollkommen identischen Dingen... einfacher gesagt, wenn wir uns jetzt ein algorithmisches Rezept zurechtgelegt haben, unsere Träume später zu überwinden und damit die erste Phase betreten haben – ausgezeichnet durch die Erkenntnis der These und damit augenblicklich mit der Möglichkeit verbunden, die Gegenthese plattentektonisch zu formieren und zu beeinflussen –, dann ist doch folgende Frage abschließend noch interessant und überaus intelligent.
Reicht unser jetzt erlangtes Bewusstsein, um den Übergang in Phase zwei ansatzweise für uns vorstellbar zu machen? Eine dumme Frage. Wie aus einem Kind. Denn an diesem Punkt wird längst nicht mehr begreiflich sein, was eine Vorstellung ist. Die Antwort ist also ein mehr als nein, ein Meer aus nein, ein zweihundertfünfzigprozentiges Nein. Das stärkste Nein, das derzeit auf dem Markt ist. Es wird die Kernfusion des Seins zur Entfaltung eines Gegenstandes, dessen Innen sein Außen ist, zustande kommen, und zwar ohne nur eine Sekunde zu verbrauchen, am Schluss von Phase eins. Und "was" wir dann vor "uns" haben, wird es nicht mehr geben, denn was viele nämlich nicht wissen – ich erlebe das bei meinen Vorträgen in den Betriebsräten immer wieder – ist, dass Identität in sich verschwindet. Widersprüche existieren, Identitäten nicht. Es wird der Zustand eintreten, in dem wir Infrarotlicht husten und abstrakte Räumlichkeit koten. Unsere Popel werden Kometen sein, und man darf sich etwas wünschen, wenn sie verglühen. Genau genommen ist es kein Zustand mehr schon, aber ist ja ohne etwas immer so, dass alle Leute in der Fußgängerzone auf die Frage, ob ich mich in einem Zustand befinde, mit – siehe Sternchen – antworten.
Also. Wir wollen uns sammeln. Wenn wir früher nicht der Mensch sein konnten, der wir aus jetziger Sicht sein wollten, dann müssen wir nur für einige wenige Minuten in die Knechtschaft kriechen. Im Anschluss, wenn wir Wissen wissen, können wir nun das Beste für die nachfolgende Generation von Momenten herausholen. Aber sowieso: Niemand ahnt die grandiose Freiheit der Vierzigjährigen und angeblich 'Ent-ichten'. Nicht einmal sie selbst.
Dualistische Ontologie: Aufgabenblatt #4

Hinweise:
a) ist ein einfaches Korollar aus Sartres Freiheitsgleichungen für Säugetiere.
Für b) konstruieren Sie eine beobachter-invariante Sicht auf Welt und integrieren dann über die Menge aller Subjekte. Benutzen Sie hierfür das Adagio aus Beethovens Minus Neunter.
In c) können Sie Existenz und Eindeutigkeit von Intersubjektivität voraussetzen. Schätzen Sie die Distanz zweier Ich-Instanzen zunächst mit Hilfe des Selbstgesprächtheorems für ein beliebiges Ich und dessen Unter-Ich ab und konstruieren dann eine Kommunikation K für alleine wahrgenommene paarweise verschiedene Ichs. Im Zweifelsfall lesen Sie nochmals (gründlich!) die Septemberausgabe von Auto-Motor-Sport aus dem Jahre 1997.
Virtuelle Skulptur
Der Atem kroch aus meiner Nase und kam über den weißen Bartstoppeln noch vor den Oberlippen zum Stillstand. Schneestaub, der sich ganz behutsam in die Poren senkt. Als mein Herzschlag verstummte, druckte exakt zur gleichen Zeit ein mit Sturmfeuerzeugen gefüllter Farbdrucker im Maschinenraum eines virtuellen Eisbrechers zweitausend Meter unter Normal Null meine Geburtsurkunde. Der erste Laut drang aus meiner Kehle. Ich überflog mit kindlicher Leichtheit die ersten Jahre und sorgte später eigenhändig für die Schwerkraft. Ich werde wieder leiser. Ich werde im Polarmeer ertrinken und wurde Geist. An der kalten Oberfläche unter dem Vulkan: Eisschollen aus Pigmentestaub im Gewitter oxidierter Tinte. Ich hole die Luft in Birkenholzfässern den Weinhang hinauf zum Sumpfbett und schlüpfte als Regenwolke über einem EKG-Gerät.
M., alles Gute für Dich und rasche Genesung!
Technologie am Beispiel des Design
Fazit: Ein solcher Grasbüschel geht gar nicht. Aber: Ihnen ist zu helfen. Definitiv.
Gekonntes Design erfordert Fingerspitzengefühl. Es reicht nicht aus, einen Kohlkopf zu fotografieren und mit einschlägiger Software den Kontrast zu regulieren, um eine gute Abbildung zu schaffen. Besonders nicht, wenn diese dafür geeignet sein soll, wenigstens um die Gunst des Betrachters zu werben - wenn schon keine kommerziellen Zwecke verfolgt werden. Wir dürfen gerne glauben, dass dies vor eins zwei Generation der visuellen Kommunikation ausreichend war. Heute hingegen ist es ein kompliziertes Unterfangen in der ungeheuren Masse der meist ziemlich ausgeschlafenen Konkurrenz mit Ungewöhnlichem aufzuwarten.
Digitale Bildbearbeitung verhält sich zum bloßen Abbilden der Wirklichkeit wie Reflexion zu Betrachtung. Und Betrachtung alleine hat noch keinen intellektuellen Wert. Man erkennt den Urheber stets sofort am Ergebnis. In diesem Sinne ist im digitalen Zeitalter selbst jedes jpg-File eine Signatur einer ganz eigenen Persönlichkeit. Einerseits erkennt man sofort die Hidden Champions, andererseits ob Schritt gehalten werden konnte mit der rasanten Entwicklung heutiger Technologie.
Abb. 2.: Laiendesign. Die Fotografie einer Pflanze wurde in Sepia gesetzt und bis auf die Bildmitte entsättigt. Eigentlich nicht sehr inspiriert, stellt das Ganze aber eine deutliche Verbesserung gegenüber dem Vorgänger dar. Es gibt keine Akzente, keine Linien die den Blick leiten. Gar nichts. Das Bild wirkt roh und angefangen. Nirgendwo sind wirkliche Entscheidungen zu beobachten. Die Technologie hat den Anwender unterdrückt. Die Bearbeitung ist halbherzig. Eine eigene Handschrift ist kaum angedeutet. Allerdings muss man dieser Arbeit eine Sache wirklich zu Gute halten. Und zwar wurden Bildausschnitt, Format und die Perspektive nicht verändert. Aber gerade in diesen Punkten ist der Unterschied zum Ausgangsobjekt gewaltig. Es zeigt sich, dass man auf die Komposition einwirken kann, ohne die Komposition direkt zu verändern. Es lohnt sich wirklich, sich diesen Umstand in aller Allgemeinheit klar zu machen und bei eigenen Bearbeitungen unbedingt zu berücksichtigen. Bei dem abgebildeten Beispiel wurde alleine durch Veränderung der Einfärbung eine komplett andere Komposition geschaffen! Etwas, was man vielleicht so nicht auf der Rechnung hatte. Begründen lässt sich dies damit, dass die kompositorische Schwäche des ersten Bildes darin bestand, dass eigentliche Objekt nicht ausreichend vom Hintergrund abgehoben zu haben. Man hätte das Objekt in etwas flacherem Winkel abfotografieren sollen. Durch die Färbung wird es erstens deutlich vom Hintergrund abgesetzt, zweitens wird der Hintergrund durch den b/w-Effekt vollständig planar. Es scheint sich geradezu der Sichtwinkel verändert zu haben.
Technologie ist Geist. Denn heutzutage bietet sich als Ausdruck von Geist überhaupt nichts anderes mehr an als Technologie. Kreativität alleine ist im Zeitalter der Medienrevolution Kollektivbesitz. Da gibt es nichts mehr an Identität heraus zu unterscheiden.
Das heutige Genie zeigt sich bei der Anwendung von Technologie. Hierzu erläutere ich, dass Entwicklung von Technologie nichts anderes ist als die Anwendung primärer, basalerer Technologie. Aber auch die Anwendung von Technologie geschieht je nach Intellekt des Users mit Hilfe der Entwicklung von Binnentechnologien, und wenn sich dass nur dadurch ausdrückt, dass man Short-Cuts festlegt, oder etwa einen eigenen Programmierstil hat. Damit meine ich: Auch die Benutzung von Technologie ist bereits Technologie. So ist selbst das Fahren eines Autos etwa Technologie. In einem solch umfassenden Sinne ist nachvollziehbar, warum ich propagiere, Technologie und schöpferischen Geist gleichzusetzen. Kreativität ist in dieser neuen Perspektive nicht mehr das Werkzeug zum Schaffen, sondern dasjenige, was mit Hilfe von Technologie bearbeitet wird.
Abb. 3.: Individuälles Design. Modärner Look. Diese ganz fabelhafte Arbeit genügt allen Ansprüchen, die an High-End-Design gestellt werden und zeigt den Schöpfer als bewussten Manipulator von Technologie. Es gelingt ihm, aus der entindividualisierten Befehlszeilenwelt der technologisch dominierten Kunst als Mensch herauszuragen. Und wenn wir oben die Wichtigkeit von Entscheidungen ansprachen, so wurden hier viele mutige, und wie ich finde, gute Entscheidungen getroffen. Die jetzt drastischeren Eingriffe in den Bildraum machen uns deutlich, worum es dem Designer geht. Und: Machen Sie sich einmal klar, was aus dem dürftigen Ausgangsmotiv herausgeholt wurde.
Das letzte Bild zeigt uns das Ergebnis von Technologie als bewusst technologisch. Das soll heißen: Bei den schwarzen Balken assoziert man etwa die Begrenzungslinien eines Suchers, es wird etwas wie der Prozess eines Fokussierens angedeutet. Auch das invertierte Rechteck ist konform mit dem sonst durchweg technophilen Design. Es markiert einen Bereich, der noch synthetischer wirkt als das Restbild. Wenn ich das, worauf ich hinaus will, überzeichne, könnte ich sagen, es handle sich um die Wirklichkeitswahrnehmung eines technischen Apparates, eines Roboters, eines Programmes zur Bilddatenmessung, oder einer anderen Anwendung der künstlichen Intelligenz. Das deutet sich auch schon in Abb. 2. an, wo man sich eine Fokussierung von Gegenständen wie etwa bei automatischen Bilderkennungsprogrammen vorstellt. Wo man etwa an einen Algorithmus zur Mustererkennung erinnert wird.
Fazit: Es wirkt alles sehr diskret auf dem Bild, sehr technisch. Wenn ich Sie nicht überzeugen konnte, dann betrachten Sie nur erneut kurz Abb. 1., und auch Ihnen wird dies alles nicht zu übertrieben erscheinen.




