Eingerahmt von Häusern, wie eine blühende Hochalm von schneebedeckten Bergen in einer Folie des göttlichsten Blau, bot sich dieser innere Hof da, diese lebendige Herzkammer zwischen den Betonscheidewänden des städtischen Krimskrams des abermals und immer Gleichen. Diese vor Glück atmende Fläche zog sich ungewöhnlich weit in die Länge und nicht so sehr in die Breite, sie hatte das Format eines länglichen Stoffstreifens, den man sich, getränkt mit arktisch kalter Kräutertinktur, zur Erfrischung über Stirn und Schläfen legt, um sich zu vitalisieren. Vom sommerlichen Nebel der Lust eingehüllt befand sich von hellem Vogelzwitschern erfüllend durchdrungen in der Mitte dieses idyllischen Refugiums, das heißt mit nur noch einen schmalen Asphaltstreifen Abstand zu den Häusern, eine wunderbare Gartenfläche in der Form eines langen Ovals, seitlich zudem durch zwei Kreisflächen ergänzt und umgeben von privaten Kleingärten von Grundstücksgrößen im niederen zweistelligen Quadratmeterbereich. Die Differenzen zu den jeweiligen Nutzflächen gaben sich nicht viel.
Um diese Fläche herum führte also eine Straße an den Wänden des rechteckigen Hofes entlang, und zwar spulenförmig mehrfach, jeweils mit einer Breite von etwa einem Meter, so dass sich die Gesamtbreite der Straße auf etwa drei Meter belief. Hier fanden die Dinge des Alltags und der Notwendigkeit Platz, Abstellplätze und Container - die für sich schon ein Farbspektrum formten -, kleinere Schuppen für Gerätschaften und weitere Möbel. Defekte Holzstühle mit Grünspan und gebrochenen, patinierten Leisten, schmutzige Gummibälle, denen es an Luft fehlte übrigens auch.
Wenn vieles auf das Spielen von Kindern hinwies, dann doch am meisten sie selbst, die allen Orts einander hinterherjagten oder sich sonst die Zeit vertrieben im Grün unter Bäumen oder sonstwo, wo auch immer ihre innige Freude sie anstachelte umherzutollen. Auf den Balkonen saßen und standen Menschen, die zur Ruhe gefunden hatten hinter auftrumpfend farbigen Pelargonien und Petunien, man las, gab sich geliebten Beschäftigungen hin oder trank etwas. Die Katzen tänzelten schnippisch und schmusend über die Natursteinbalustraden und gaben sich der arttypischen Faulheit hin, die man ihnen lächelnd gönnte.
Um die einer Wolke ähnelnden Gartenanlagen, die jedermann zur Verfügung standen, waren also die privaten kleinen Schrebergärten angeordnet, so dass das Rechteck bis zur Straße hin ökonomisch intelligent ausgenutzt wurde. In Architektur und Erscheinung hoben sich die vielen einzelnen Gärten stark voneinander ab. In dem teilweise nur äußerst knapp zur Verfügung stehenden Räumlichkeiten realisierte man nichtsdestotrotz bisweilen schiere Unglaublichkeiten. Man fand originalgetreue Nachempfindungen säulengetragener Tempelgebilde oder terrassierte Anlagen nach dem Vorbild historischer Gärten ebenso wie schlichte Rüben- und Kohlbeete an deren Rändern man Gießkannen und Gartenharken vergessen hatte. Neben der Züchtung von Zierpflanzen wie Orchideengewächsen oder der Pflanzenveredelung widmete man sich gleichermaßen dem Treiben auf Rasenflächen, die man durch Eintragen entsprechender Markierungen zu Sportfeldern erhoben hatte, auf denen verstreut Plastikenten, Gummikeulen, Schaukelpferde oder Spielzeugschusswaffen daherlagen. Unter einem Tisch klebte ein Kaugummi.
Eine sechskantige Mitte wurde von der edlen wolkenförmigen Gartenformation gefasst wie ein hochwertiger Stein in den Goldfingern einer teuren Schmuckbrosche aus wertvollem Steinzeug und lag unter sprühender Blütenpracht und bizarren Blattformen überwältigender Schönheit, überragt und in kühle Schattenhaftigkeit getaucht von fremdländischen Bäumen und exotischen Pappeln. Diese trugen unterdessen ausnehmend köstliche Früchte. Ein kluges System von künstlich angelegten Wasserläufen sorgte für das Lebenselixier von Menschen, Pflanzen und Tier. Das Gelände wurde verziert durch kunstfertige Statuen und Statuetten, prunkvoll und bescheiden zugleich, zwischen Bögen und mosaikbesetzten Arkaden fanden sich die tollkühnsten der erdenklichen Springbrunnen und Wasserspielanlagen. Auf den Dächern vieler kleiner Gebäude, ragten aus Gips modellierte Palmen auf, und auf dem Dach des Hauptgebäudes thronte aus chinesischem Kunstporzellan gebildet ein im Sprung gefangenes Einhorn mit meterlangem Stachel, das den erstaunten Betrachter mit seiner witzig expressionistischen Spielart und Gestaltung verblüffte. Ein Bein der respektablen Skulptur zum Beispiel ragte, einen schnellen Polygonzug formend, sich mehrfach zergliedernd in Schlaufen durch die Luft, wo es kantig spiralförmige Linien aufspürend den Raum noch harscher dominierte als der eigentliche und fast lebendige Körper. Schließlich fiel die Figuration dieses Beines geschlagen nach unten gen Boden, so dass die Skulptur mit dem Fuß, der in einem etwa fünfzig Meter tiefen Graben in der Wiese eingelassen war, etwas entfernt von dem ausgehenden Gebäude in galoppierend-schizophrener Tragik abschloss.
Gebändigte Schlingpflanzen und wachsende Girlanden dehnten sich verdreht, kleine aufragende verzwirbelte Obelisken berührend, von Stamm zu Stamm, und zu Leibern zugeschnittene Rosensträucher sowie Buchsbaumheckenlabyrinthe setzten sich durch das Ganze hindurch, das als solches, wenn man sich in ihm befand, den Blick nur noch auf die Oberkanten der umliegenden Häuser gestattete. Der lästige Großstadtlärm wurde von plätscherndem Wasser, Hundebellen und Geräusch von Getier und Mensch abgewehrt.
Seitlich davon befanden sich zwei mittelgroße kreisförmige Areale, die den Eindruck erweckten, hier sei nie etwas anderes als Zeit gewesen.
Urtropisch und als eine Frühform von Natur versank auf seine Weise ein jedes der beiden kleineren, seitlichen Gebiete in stickiger Feuchte und Hitze krummbucklig in seiner verknäulten Silhouette. Die nass glänzenden Auswüchse verschwammen im filzigen Dunst schwirrender Insekten und lodernder Pollen und Sporen. Es ging ein grober, betörender Duft heraus von diesem windlosen Nebel verfallener grüner Grotte. Im Inneren regneten Blütentupfer aus allen Gegenden der Farbe von überall her in das Bild hinein und säumten die Umrisse von scheinbar aus ihrem eigenen Fleisch heraus leuchtenden Fruchtkörpern, die sich darüber hinwegstreckten, wie bereits abgeworfene, angefressene Früchte stechend-süsslich auf dem morastigen Boden faulten. Ein Volk aus schimmernden Raupen und fetten Schnecken bewohnte diesen gärenden Brei. Libellen und Flügelwesen stoben durch das harzige Gestrüpp hin und wieder nach außen, von wo aus diese Anhäufung verwilderter Verwahrlosung wie das letzte unangetastete Stück Schöpfung fantastisch und smaragden wirkte. Kaum zugänglich, beziehungsweise nur unter geduldiger Auseinandersetzung mit lästigen Kletten und zurückpeitschenden Zweigen, die so die spiegelnden Tropfen dicken Pflanzensaftes verschleuderten, beherbergte dieser Flecken doch auch Aushöhlungen und zu Plätzen zertretene Pfade. Sie wurden von Meditierenden oder Traurigen zur Andacht genutzt, wenngleich es dort dem Odem versumpfter Tümpel standzuhalten galt, die blasenwerfend und schlackig unter verfallenen Gehölz von kriechendem Gewürm bekrabbelt wurden. Auf den wenigen offenen Lichtungen hatte man Schwitzhütten aus Lehm errichtet. Im Winter fror der Schleim.
Und wie sich dort eine Unzahl breitmauliger Pilze über die Rinden und Stämme zog, so waren auch die Fassaden der umliegenden Häuser zahlreich mit Überhängen, Einbuchtungen und Ausschüben bestückt, so dass mittags ein zersplitterter Schattenwurf auf den Boden kam, der sich in der Zeitspanne bis zum Sonnenuntergang über die dicken Blumenkübel und Regenfässer beugte und sich an den Fenstersimsen und den daran abgestellten Gartengeräten, Schalen und Eimern entlang hangelte. Die Reihe dieser Sachen wurde bald abgelöst von den Welldächern einiger Blechverschläge, auf denen Plastikflaschen und anderes Verbrauchsgut in abgestandenen Pfützen einen auf Spiegelbild machten.
Gegenüber des bereits von Schmetterling und Vogel in Anspruch genommenen Durchgangs war die alleinige Hofzufahrt zu finden. Wobei, dem gewöhnlichem Gang der Dinge zufolge, feierabends mit dem Abfahren der zur Gartenpflege Angestellten die rotweiße Pförtnerstange hinauf und wieder herunter gelassen wurde und schließlich scheppernd in den Bügel sprang. Die Fahrzeuge verließen dann, hier, am östlichen Ende der heruntergekommen Verschläge dieses lausige Höfchen, während am westlichen Ende noch ein schmaler Weg nach draußen führte.
Es war ein wirklich sehr schmaler Weg. Sollten sich etwa zwei Radfahrer auf dieser Strecke begegnen, wäre es unmöglich aneinander vorbeizufahren. Begegneten sich zwei Fußgänger so war die Sache ganz einfach. Die eine Person ging einfach in die Hocke und neigte den Kopf nach vorne, so dass die andere über den Rücken laufen konnte. Wie ließ sich das aber bei Radfahrern erledigen? Entweder, so dachte man sich, verbat man es Radfahrern, hier entlang zu fahren oder man würde sich einen Kniff, einen ganz ausgefuchsten Kniff ausdenken müssen. Und das machte man. Der Neuling wunderte sich, wenn er zum ersten Mal den Weg benutzte, warum denn alle fünfzig Meter an der Seite des Weges, entweder an einer Wand oder an einem zu diesem Zweck postierten Pflock eine kleine Rampe aus vernagelten Holzplatten hing. Richtig! Auf diese Weise konnte ein Fahrradfahrer, der dann beträchtlich Anlauf nahm über den anderen herüber springen. Und das Beste: In der jetzt schon langjährigen Geschichte dieser Idee kam es noch zu keinem einzigen Unfall.
Der Weg, der sehr schmal war, nahm einen recht komplizierten Lauf. Es war fast so als hätte ein Kindergartenkind Farbkreidekreise auf einen Block gemalt, er war auch genauso bunt und tatsächlich: Dieser Weg war Gekritzel. Erst hob er sich auf die halbe Höhe der ihn einschließenden Bauten und führte dann außen an den Häusern des Hofes entlang. Dann ging es los. Quer und kreuz führte er durch die Stadt, ab und auf, Unterführung da, Brücke hier, Spirale nach oben woanders, Pirouette in die Schräglage dort. Er änderte Höhe und Breite ständig, wobei er natürlich niemals breiter wurde als einen halben Meter, und manchmal lag er so tief zwischen zwei Mauern, dass man ihn bei Regenwetter für einen Brunnen halten konnte. Manchmal mussten also Fenster in den Wänden, und manchmal auch in der Decke Licht spenden. Letzteres, wenn er gerade unterirdisch drauf war. Hatte der Planer bei einem belanglosen Telefongespräch gezeichnet und sein Assistent das Gekrakel später für den ersten Entwurf gehalten, worauf der Planer vielleicht verstarb, ohne die Chance, den Unsinn zu revidieren? Nein, denn dieser Weg musste natürlich gewachsen sein, ein sehr schmaler Tumor, aber ein schöner, und an einer Stelle war er mannshoch mit Treibsand gefüllt, so dass man entweder die Rampe benutzte oder mit Beinkraft sprang, um das Hindernis zu überqueren. Schließlich mündete er auf einen schlichten Parkplatz, wo unter anderem die Bewohner des Innenhofs ihre Fahrzeuge abstellten. Jemand hatte die weißen Linien der Parkplatzeingrenzungen mit blauen Fingerabdrücken tapeziert.
Unmittelbar außerhalb des Innenhofes und zwar gegenüber Hausnummer acht stand auf dem Weg, an einem Geländer angelehnt, die Frau mit viel Lippenstift. Sie war auf dem Weg zu ihrem Auto und hielt kurz inne. Sie sah zur Haustür und über das Kopfsteinpflaster bis dahin, dann blickte sie erneut zum Haus. Jetzt brach sie eine Zigarette durch und ließ sie fallen.
Bei diesem Text handelt es sich um Kapitel 3 des Textes "Stadt und Frosch". Ein Text, in dem ich unter anderem versuchte Handlungen mithilfe von Beschreibungen zu simulieren und zu diesem Zweck mit sprachlicher Verspieltheit und Manierismen schrecklich übertreibe. So dass jetzt schließlich vielen Leuten sicherlich viel Geduld abfordernde 50 Seiten (endlich) existieren, in denen selbstverständlich aber dennoch der absurdeste Kram "passiert". Im gleichen Text erhalten wir zum Beispiel Einblicke in die sportliche Karriere eines Unternehmers, dessen Erfindung eines speziellen Belages für Tischtennisschläger zur Gründung der Firma führte - und zum Abschied vom Profisport. Ein Thema, dass man ja in vorangegangener Gartenschilderung geradezu voraus"weiß". Wo und wann es den "Volltext" gibt, weiß ich allerdings noch nicht.
Septum Non Datur
Annihilatorischer Tremor im Duktus des Chansons. Das Ich als unangenehmes Geräusch. Das Wir als orchestraler Wohlklang. Heute in der Mittagssonne werden Wissenschaftler mit Röntgenstrahlen Streichinstrumente stimmen. Wir stellen sie hierzu in einen kalten Raum und beobachten durch das Fenster, wie sich die Schnecken drehen, ohne dass jemand berührte. Die nonmusikalische Geisteswissenschaft. Der erkältete Arzt. Wir verstehen Suche nicht als einen Prozess, sondern als ein Ding, als eine Art geographische Gegebenheit. Ich habe mich in einen Vulkanausbruch verliebt.
Die Animation der Welt durch die Animation des Menschen. Die Kolorierung von Zeug. Die Koordination sämtlicher menschlicher Augenbewegungen durch einen Großrechner in einem Methansee des Marsmondes Erde. Man bewegt die Bestandteile des eigenen Körpers mit Hilfe von Telekinese, von Teleportation von Befehlen in der Kurzdistanz. Man befindet sich in einem wohlfeil definierten Raum. Die Gedanken verwelken, sie wollten niemals Blumen sein. Wir brauchen keine Münder mehr. Unsere Zungen sind zu den Regenwürmern gegangen.
Wir müssen auf die Toilette. Wir müssen so vieles. Hier entlang. Der Begriff der Person ist innerhalb einer Schizophrenifikation der Modellzeit aufzulösen. Die Prismatisierung von Form und Inhalt im Nebel einer gesellschaftlichen Relevanz. Aus der Vogelperspektive des negativ definierten Egozentrismus verkümmern die Einzelteile unserer Phantasie in den Linoleumfackeln der Sprache. Eine Sprache kann mit ihrer eigenen Sprache nicht verschwiegen werden. Ein uneheliches Kind schon. In Deckung! Wir sind für die musikalische Verknüpfung von Aussagen. Wir sprechen uns dafür aus.
Wir brauchen ein semantisches Alternativkonstrukt zum Konzept Sinn. Wir sind für die Konstruktion einer Hierarchie verschiedener Widerspruchsklassen, Widerspruchsstrukturen, um die Fehlbildungen der nicht zweckrationalen Intelligenz vollständig zu ignorieren. Wir enthalten uns. Die Mathematik fliegt. Die argumentative Operation wird von der Artikulation eines Bewusstseinszustandes abgelöst. Oder eines halben mit zwei Würfeln Rohrzucker. Wir dürfen nicht mehr zwischen Einzeldingen unterscheiden. Wir dürfen uns jetzt küssen. Es gibt uns, so wie es das Obst gibt. Gehen Sie in einen Supermarkt und Sie finden chiffriert alle Variablen und Operatoren, die Sie brauchen um eine Formel für die Wahrscheinlichkeit der Existenz des Planeten Erde zu errechnen.
Kunst ist Schnulli. Der Student glaubt dem Professor. Die Auflösung des Ichs in der Tätigkeit hat die Unmöglichkeit zur Unterscheidung von Tätigkeiten mit sich gebracht. Wir feiern die Ganzheit. Das Plus tanzt nicht mehr mit dem Minus. Es weiß seit heute, dass es addiert. Wer einen Namen hat, weiß wie er sich im Selbstgespräch anzureden hat. Wer Selbstgespräche führt, ist bestens informiert. Wir - das sind langjährig erfahrene Berater aus allen erdenklichen Bereichen. Wir zeigen Ihnen den Weg zu mehr Effizienz bei Spieleabenden. Ihr Erfolg ist unser Spiel. Der Alkohol kommunikativer Elektrik isoliert niemanden mehr vor Feierabend. Es sei den wir arbeiten darauf hin.
In unserer erfahrungsfreien Freizeit kommt es unserem Fehlen jeglicher Urteilskraft entgegen, dass es keine Ereignisse gibt. Wir fahren in den Urlaubstagen zu unseren Lieblingskoordinaten. Mit Sonnenschutzfaktor 17 schützt sich das Bewusstsein vor uns. Der Realist empfängt alle Kanäle, er verpasst nichts mehr. Jetzt wo wir den achtundvierzigtausenddreihundertvierundneunzigsten Todestag der Transzendenz feiern, dürfen wir - datenverarbeitende Wesen plus Schicksal - uns nicht mehr davor scheuen, nur noch homogene und schlüssige Gedankeninhalte zu akzeptieren. Der Wille zur Aussage muss gebrochen werden.
Schlechte Laune ist ein Gebet. Herr im Himmel, gib dieser Busfahrt einen Sinn. Hätten wir ein Bewusstsein, so gäbe es außersprachliche Strukturen, und das wollen meine Eltern nicht. Wo sind unsere Regenjacken? Ich bin frei, weil ich mich in meinen Aufgaben wieder erkennen kann. Ich lagere mich in Identifikationen aus, ich werde dadurch so groß wie Europa.
Wir sind in die freie Totalität des Daseins geworfene Gesteins- und Geistmassen und interessieren uns für Eigenschaften. Das ist nicht weniger als unmoralisch. Das ist unheimlich. Wo sind all die Subjekte hin? Die lithiumfrostige Bohrtiefe unserer Unverstandenheit erfriert im Blautotgrau des Stahlbeckens logozentrischer Tristesse. Wo befindet sich die Amygdala, hat sie sich für diesen Ort entschieden?
Aus welcher Substanz ist der Wille? Ist er magnetisch? Wird der Kleine durchkommen? Wir verkleinern, restringieren uns, wir sind auch nur Menschen. Wir injizieren uns Sinn, wir hängen an der Nadel. Religionsunterricht ist Beschaffungskriminalität. Rationalität ist faktisch Religion. Sollten wir uns nicht das Verstehen abgewöhnen. Sollten wir nicht das Abgewöhnen verstehen. Verstehen wir das Abgewöhnen-Sollen. Von Freiheit krieg' ich immer schlechte Laune. In dieser außenlosen Zeit freue ich mich über geistige Schranken. Das chaotische Bewusstsein darf uns im Bedarfsfall den Straßenmusiker machen.
Das Vergessen ist die einzige Möglichkeit, von seinem Leben zu erzählen. Im Wald verbrennt etwas Bedeutung. Handlungen sollten zu mindestens siebzig Prozent ästethisch sein. Die Forschungsgesellschaft bewilligt Gelder für die Auffindung und Zerstörung von Autodidakten. Es gibt keine Beziehung zwischen dem Signifikanten und Signifikaten, es gibt nur die Beziehung zwischen Herrchen und Haustier.
Ereignisse sind Kleinkram. Wir trinken einen auf den endlosen Sternenhimmel über uns und den endlosen moralischen Kosmos in uns. Einfach nur sein, Fliegenpilzwein in mich rein. Es ist gut, dass die idealistische Welt nur eine Teilmenge der realistischen ist, denn dann können wir schon mal für nächste Woche mit Einkaufen planen. Glücklicherweise gibt es Konsequenzen, wir können handeln. Sind wir frei? Frind wir sei? Das blanke Handeln. Das blanke Entsetzen.
Die dritte vollständig überarbeitete Auflage meines Ich. Ich wünschte mir schon als kleines Mädchen inkonsistent und unlogisch zu denken. Gestern sind Analyse und Interpretation gestorben. Ich liebe Dich. Es gibt keine Konzepte. Das klingt gut, wir sind interessiert. Der Mensch ist eventuell noch weniger als nur ein Gehirn. Warst du schon einmal in einer Situation? Da wir nicht nachdenken, mögen wir nicht die Eigenschaften einer Sache, sondern die Sache selbst. Jetzt können wir jemanden, der die Sache auch nur teilweise kritisiert, zu den Depressiven sperren.
Zustand eins zum Zeitpunkt zwei. Die graphische Darstellung einer Illusion: das mechanische Selbstportrait. Wir sollten dem Ungeordneten das Attribut des Pathologischen zuschreiben. Das Pathologische wird morgen keine Nostalgie mehr erzeugen können. Wir unterstützen nicht einmal mehr Konzeptkunst. Wir regeln den Verkehr. Wir bringen geschichtliche Beispiele. Wir dürfen (nicht) nachdenken. Die unabgeschlossene Sache als die einzig mögliche. Werde abstrakt. Werde eine Musik. Wann? Es muss so gewesen sein.
Die Animation der Welt durch die Animation des Menschen. Die Kolorierung von Zeug. Die Koordination sämtlicher menschlicher Augenbewegungen durch einen Großrechner in einem Methansee des Marsmondes Erde. Man bewegt die Bestandteile des eigenen Körpers mit Hilfe von Telekinese, von Teleportation von Befehlen in der Kurzdistanz. Man befindet sich in einem wohlfeil definierten Raum. Die Gedanken verwelken, sie wollten niemals Blumen sein. Wir brauchen keine Münder mehr. Unsere Zungen sind zu den Regenwürmern gegangen.
Wir müssen auf die Toilette. Wir müssen so vieles. Hier entlang. Der Begriff der Person ist innerhalb einer Schizophrenifikation der Modellzeit aufzulösen. Die Prismatisierung von Form und Inhalt im Nebel einer gesellschaftlichen Relevanz. Aus der Vogelperspektive des negativ definierten Egozentrismus verkümmern die Einzelteile unserer Phantasie in den Linoleumfackeln der Sprache. Eine Sprache kann mit ihrer eigenen Sprache nicht verschwiegen werden. Ein uneheliches Kind schon. In Deckung! Wir sind für die musikalische Verknüpfung von Aussagen. Wir sprechen uns dafür aus.
Wir brauchen ein semantisches Alternativkonstrukt zum Konzept Sinn. Wir sind für die Konstruktion einer Hierarchie verschiedener Widerspruchsklassen, Widerspruchsstrukturen, um die Fehlbildungen der nicht zweckrationalen Intelligenz vollständig zu ignorieren. Wir enthalten uns. Die Mathematik fliegt. Die argumentative Operation wird von der Artikulation eines Bewusstseinszustandes abgelöst. Oder eines halben mit zwei Würfeln Rohrzucker. Wir dürfen nicht mehr zwischen Einzeldingen unterscheiden. Wir dürfen uns jetzt küssen. Es gibt uns, so wie es das Obst gibt. Gehen Sie in einen Supermarkt und Sie finden chiffriert alle Variablen und Operatoren, die Sie brauchen um eine Formel für die Wahrscheinlichkeit der Existenz des Planeten Erde zu errechnen.
Kunst ist Schnulli. Der Student glaubt dem Professor. Die Auflösung des Ichs in der Tätigkeit hat die Unmöglichkeit zur Unterscheidung von Tätigkeiten mit sich gebracht. Wir feiern die Ganzheit. Das Plus tanzt nicht mehr mit dem Minus. Es weiß seit heute, dass es addiert. Wer einen Namen hat, weiß wie er sich im Selbstgespräch anzureden hat. Wer Selbstgespräche führt, ist bestens informiert. Wir - das sind langjährig erfahrene Berater aus allen erdenklichen Bereichen. Wir zeigen Ihnen den Weg zu mehr Effizienz bei Spieleabenden. Ihr Erfolg ist unser Spiel. Der Alkohol kommunikativer Elektrik isoliert niemanden mehr vor Feierabend. Es sei den wir arbeiten darauf hin.
In unserer erfahrungsfreien Freizeit kommt es unserem Fehlen jeglicher Urteilskraft entgegen, dass es keine Ereignisse gibt. Wir fahren in den Urlaubstagen zu unseren Lieblingskoordinaten. Mit Sonnenschutzfaktor 17 schützt sich das Bewusstsein vor uns. Der Realist empfängt alle Kanäle, er verpasst nichts mehr. Jetzt wo wir den achtundvierzigtausenddreihundertvierundneunzigsten Todestag der Transzendenz feiern, dürfen wir - datenverarbeitende Wesen plus Schicksal - uns nicht mehr davor scheuen, nur noch homogene und schlüssige Gedankeninhalte zu akzeptieren. Der Wille zur Aussage muss gebrochen werden.
Schlechte Laune ist ein Gebet. Herr im Himmel, gib dieser Busfahrt einen Sinn. Hätten wir ein Bewusstsein, so gäbe es außersprachliche Strukturen, und das wollen meine Eltern nicht. Wo sind unsere Regenjacken? Ich bin frei, weil ich mich in meinen Aufgaben wieder erkennen kann. Ich lagere mich in Identifikationen aus, ich werde dadurch so groß wie Europa.
Wir sind in die freie Totalität des Daseins geworfene Gesteins- und Geistmassen und interessieren uns für Eigenschaften. Das ist nicht weniger als unmoralisch. Das ist unheimlich. Wo sind all die Subjekte hin? Die lithiumfrostige Bohrtiefe unserer Unverstandenheit erfriert im Blautotgrau des Stahlbeckens logozentrischer Tristesse. Wo befindet sich die Amygdala, hat sie sich für diesen Ort entschieden?
Aus welcher Substanz ist der Wille? Ist er magnetisch? Wird der Kleine durchkommen? Wir verkleinern, restringieren uns, wir sind auch nur Menschen. Wir injizieren uns Sinn, wir hängen an der Nadel. Religionsunterricht ist Beschaffungskriminalität. Rationalität ist faktisch Religion. Sollten wir uns nicht das Verstehen abgewöhnen. Sollten wir nicht das Abgewöhnen verstehen. Verstehen wir das Abgewöhnen-Sollen. Von Freiheit krieg' ich immer schlechte Laune. In dieser außenlosen Zeit freue ich mich über geistige Schranken. Das chaotische Bewusstsein darf uns im Bedarfsfall den Straßenmusiker machen.
Das Vergessen ist die einzige Möglichkeit, von seinem Leben zu erzählen. Im Wald verbrennt etwas Bedeutung. Handlungen sollten zu mindestens siebzig Prozent ästethisch sein. Die Forschungsgesellschaft bewilligt Gelder für die Auffindung und Zerstörung von Autodidakten. Es gibt keine Beziehung zwischen dem Signifikanten und Signifikaten, es gibt nur die Beziehung zwischen Herrchen und Haustier.
Ereignisse sind Kleinkram. Wir trinken einen auf den endlosen Sternenhimmel über uns und den endlosen moralischen Kosmos in uns. Einfach nur sein, Fliegenpilzwein in mich rein. Es ist gut, dass die idealistische Welt nur eine Teilmenge der realistischen ist, denn dann können wir schon mal für nächste Woche mit Einkaufen planen. Glücklicherweise gibt es Konsequenzen, wir können handeln. Sind wir frei? Frind wir sei? Das blanke Handeln. Das blanke Entsetzen.
Die dritte vollständig überarbeitete Auflage meines Ich. Ich wünschte mir schon als kleines Mädchen inkonsistent und unlogisch zu denken. Gestern sind Analyse und Interpretation gestorben. Ich liebe Dich. Es gibt keine Konzepte. Das klingt gut, wir sind interessiert. Der Mensch ist eventuell noch weniger als nur ein Gehirn. Warst du schon einmal in einer Situation? Da wir nicht nachdenken, mögen wir nicht die Eigenschaften einer Sache, sondern die Sache selbst. Jetzt können wir jemanden, der die Sache auch nur teilweise kritisiert, zu den Depressiven sperren.
Zustand eins zum Zeitpunkt zwei. Die graphische Darstellung einer Illusion: das mechanische Selbstportrait. Wir sollten dem Ungeordneten das Attribut des Pathologischen zuschreiben. Das Pathologische wird morgen keine Nostalgie mehr erzeugen können. Wir unterstützen nicht einmal mehr Konzeptkunst. Wir regeln den Verkehr. Wir bringen geschichtliche Beispiele. Wir dürfen (nicht) nachdenken. Die unabgeschlossene Sache als die einzig mögliche. Werde abstrakt. Werde eine Musik. Wann? Es muss so gewesen sein.
Heute bei "Exemplarisch im Ersten": Trash-Literatur
Vor sieben Jahren lief ich mit Schrittgeschwindigkeit an einem Fassadenelement vorbei. Es handelte sich um ein Schaufenster. Es versteht sich von selbst, dass der Abstand zwischen mir und dem Schaufenster nicht der Entfernung Dortmund – Hagen entsprach. Der Leser möge dies zumindest gleich „von selbst“ verstehen, denn ich werde im nächsten Schritt meiner liebevollen (und jetzt schon auf das Äußerste aufregenden) Schilderung eines herzlich heftigen Erlebnisses (in dessen Kenntnis zu kommen der Leser mit großer Spannung herbeifleht) den Inhalt des genannten Warenpräsentationsortes beschreiben, was eben bei einer solchen Entfernung kaum durchzuführen möglich wäre. Es sei denn, man hätte mir davon erzählt. (?)
Das liebe kleine Schaufensterchen gehörte einer Apotheke und zeigte Werbung von Salbe und Tropfen gegen trockene Augen. Eine hochauflösende Nahaufnahme eines geröteten Augenwinkels befand sich auf einer Abbildung eines halben Gesichts – auf der Wange nämlich. Heutzutage geht so etwas, da wird ja alles mit dem Computer gemacht, was ich in diesem Fall sehr hoffte. Oder hatten sie etwa den Augenwinkel aus der nicht gezeigten Gesichtshälfte grauenvoll herausgeschnitten und auf die Backe geklebt? War das der Grund, warum man nur die Hälfte sah? Meine Neugier war geweckt. Aber warum war dann der Ausschnitt des entzündlichen Augenwinkels so sehr viel größer im Vergleich zum übrigen Gesicht? Hatten man hier mit einem Vergrößerungsglas gearbeitet? Was war das eigentlich für ein riesengroßer Kopf? Etwa auch vergrößert? Bei diesen ganzen Fragen vergaß ich fast, dass das ganze auf digitalem Wege … aber dann fiel es mir wieder ein.
Die Gesichtsfläche war sehr aktuell, soll heißen, sehr frisch, also glatt und regelmäßig auf kosmetische Weise betreut und gewartet. Aber diese sich gerötet in Tränensackgegend und Lidhautkante sich zeigenden Reizungen. Bah! Ich musste fast kotzen.
Unverzüglich schoss mir der mitfühlende Gedanke in den Kopf, dass dieser Frau auf der Stelle zu helfen sei (wenn sie noch lebte). Aber mal so richtig! Welch fürchterliche Entstellung dieses makellosen Teints, bei Gott dieses Gesicht bietet doch vor allen Dingen ästhetisch soviel Potential. Welch ärgerlicher Jammer. Ich musste weinen.
Als ich bereits etwa zwei Stunden in das Schaufenster starrend und – ich war gerade noch in der finalen Abschlussphase meiner Trauerarbeit und wollte sie gewissenhaft-ausreichend-sorgfältig beenden, um Spätfolgen auf meine Psyche ausschließen zu können – von Mitarbeitern des Ordnungsamtes geräumt wurde, kochte es in mir auf. Erbost entwurzelte ich kraft meines Gebisses innerhalb von 10 Sekunden etwa zwei Kilogramm Haare aus den Kopfhäuten der Ordnungshüter und rannte in den Geschäftsraum. „Guten Tag, ich habe Kopfschmerzen.“ Ich wirkte außerordentlich beherrscht (aber nicht etwa unterkühlt), wenngleich der anschließende Hustenanfall Verwirrung stiftete. „Geht es wieder, sind Sie sicher, dass es Kopfschmerzen sind.“ Was hatte der Kerl an der Kasse denn, ich hatte mich nur an einer Korkenzieherlocke verschluckt. Nach einem Glas Wasser ging es wieder. „Danke.“ Ich bezahlte und ging.
Die Sache auf dem Polizeirevier verlief später reibungslos, mit den Behörden und Ämtern arbeite ich nach vielen Jahren negativer Erfahrungen einwandfrei zusammen. Ich bezahlte das Bußgeld großspurig in bar – um wenigstens ein bisschen zu provozieren –, beschimpfte vor Verlassen des Grundstücks den Pförtner und dachte nicht an das weitere Prozedere.
Noch in derselben Nacht (etwa ein Uhr) – da mir der schwelende Zorn den Schlaf verbot – suchte ich den Ort des Geschehens auf. Schon bei meiner Ankunft verspürte ich detaillierte Lust, verheerende Vernichtungen an den Fassadenelementen vorzunehmen. Als ich den Nachmittag über das Ganze nochmals durchdacht hatte, machte mich die Erschütterung darüber – ich weiß ehrlich gesagt nicht genau worüber – mehr und mehr rasend. Obwohl ich schon im Bett lag und sogar schon meine Gurkenmaske mit Joghurt trug, verließ ich doch nochmals das Haus. Vor lauter Zorn. Oder vielleicht besser: Ich verließ es vollkommen grundlos.
Ich hatte eine Sprühdose dabei, der Inhalt war schwarzer Lack, und ich wollte das Schaufenster mit Schmierereien versauen. Ich schrieb quer über die Front folgenden Satz: „Die beste Medizin gegen trockene Augen ist immer noch ein Todesfall in der eigenen Familie.“ Ungesehen verschwand ich wieder in der Nacht. Ich hatte einen ausgesprochen erholsamen Schlaf.
Noch am selben Morgen fuhr auf der Autobahn ein Sattelschlepper mit Aluminiumformteilen und erhöhter Geschwindigkeit über einen winzigen giftgrünen Golf. Die Tochter des Apothekers wurde am Donnerstag darauf beerdigt. Meine Unschuld konnte ich mühelos nachweisen.
Aber es tut mir leid, so wie es gelaufen ist.
Das liebe kleine Schaufensterchen gehörte einer Apotheke und zeigte Werbung von Salbe und Tropfen gegen trockene Augen. Eine hochauflösende Nahaufnahme eines geröteten Augenwinkels befand sich auf einer Abbildung eines halben Gesichts – auf der Wange nämlich. Heutzutage geht so etwas, da wird ja alles mit dem Computer gemacht, was ich in diesem Fall sehr hoffte. Oder hatten sie etwa den Augenwinkel aus der nicht gezeigten Gesichtshälfte grauenvoll herausgeschnitten und auf die Backe geklebt? War das der Grund, warum man nur die Hälfte sah? Meine Neugier war geweckt. Aber warum war dann der Ausschnitt des entzündlichen Augenwinkels so sehr viel größer im Vergleich zum übrigen Gesicht? Hatten man hier mit einem Vergrößerungsglas gearbeitet? Was war das eigentlich für ein riesengroßer Kopf? Etwa auch vergrößert? Bei diesen ganzen Fragen vergaß ich fast, dass das ganze auf digitalem Wege … aber dann fiel es mir wieder ein.
Die Gesichtsfläche war sehr aktuell, soll heißen, sehr frisch, also glatt und regelmäßig auf kosmetische Weise betreut und gewartet. Aber diese sich gerötet in Tränensackgegend und Lidhautkante sich zeigenden Reizungen. Bah! Ich musste fast kotzen.
Unverzüglich schoss mir der mitfühlende Gedanke in den Kopf, dass dieser Frau auf der Stelle zu helfen sei (wenn sie noch lebte). Aber mal so richtig! Welch fürchterliche Entstellung dieses makellosen Teints, bei Gott dieses Gesicht bietet doch vor allen Dingen ästhetisch soviel Potential. Welch ärgerlicher Jammer. Ich musste weinen.
Als ich bereits etwa zwei Stunden in das Schaufenster starrend und – ich war gerade noch in der finalen Abschlussphase meiner Trauerarbeit und wollte sie gewissenhaft-ausreichend-sorgfältig beenden, um Spätfolgen auf meine Psyche ausschließen zu können – von Mitarbeitern des Ordnungsamtes geräumt wurde, kochte es in mir auf. Erbost entwurzelte ich kraft meines Gebisses innerhalb von 10 Sekunden etwa zwei Kilogramm Haare aus den Kopfhäuten der Ordnungshüter und rannte in den Geschäftsraum. „Guten Tag, ich habe Kopfschmerzen.“ Ich wirkte außerordentlich beherrscht (aber nicht etwa unterkühlt), wenngleich der anschließende Hustenanfall Verwirrung stiftete. „Geht es wieder, sind Sie sicher, dass es Kopfschmerzen sind.“ Was hatte der Kerl an der Kasse denn, ich hatte mich nur an einer Korkenzieherlocke verschluckt. Nach einem Glas Wasser ging es wieder. „Danke.“ Ich bezahlte und ging.
Die Sache auf dem Polizeirevier verlief später reibungslos, mit den Behörden und Ämtern arbeite ich nach vielen Jahren negativer Erfahrungen einwandfrei zusammen. Ich bezahlte das Bußgeld großspurig in bar – um wenigstens ein bisschen zu provozieren –, beschimpfte vor Verlassen des Grundstücks den Pförtner und dachte nicht an das weitere Prozedere.
Noch in derselben Nacht (etwa ein Uhr) – da mir der schwelende Zorn den Schlaf verbot – suchte ich den Ort des Geschehens auf. Schon bei meiner Ankunft verspürte ich detaillierte Lust, verheerende Vernichtungen an den Fassadenelementen vorzunehmen. Als ich den Nachmittag über das Ganze nochmals durchdacht hatte, machte mich die Erschütterung darüber – ich weiß ehrlich gesagt nicht genau worüber – mehr und mehr rasend. Obwohl ich schon im Bett lag und sogar schon meine Gurkenmaske mit Joghurt trug, verließ ich doch nochmals das Haus. Vor lauter Zorn. Oder vielleicht besser: Ich verließ es vollkommen grundlos.
Ich hatte eine Sprühdose dabei, der Inhalt war schwarzer Lack, und ich wollte das Schaufenster mit Schmierereien versauen. Ich schrieb quer über die Front folgenden Satz: „Die beste Medizin gegen trockene Augen ist immer noch ein Todesfall in der eigenen Familie.“ Ungesehen verschwand ich wieder in der Nacht. Ich hatte einen ausgesprochen erholsamen Schlaf.
Noch am selben Morgen fuhr auf der Autobahn ein Sattelschlepper mit Aluminiumformteilen und erhöhter Geschwindigkeit über einen winzigen giftgrünen Golf. Die Tochter des Apothekers wurde am Donnerstag darauf beerdigt. Meine Unschuld konnte ich mühelos nachweisen.
Aber es tut mir leid, so wie es gelaufen ist.
Ein kleiner Einschub
In diesem kleinen Einschub möchte ich auf meine Internetseite hinweisen: Meine Internetseite.
Sie ist bereits anderthalb Jahre alt, aber fast niemandem bekannt. Aus nicht ganz klaren (psychologischen) Gründen habe ich sie geheim gehalten. Man sagt, ich habe es nicht so sehr mit Selbstbewusstsein. Das Verhältnis des Menschen zu seinen eigenen Produkten ist sowieso u n g l a u b l i c h interessant. Es ist halt schwierig. Mein Kinderarzt sagt, dass manches auf der Seite, etwa die Bilder oder die Klavierstücke, nicht mehr dem Stand meiner Entwicklung entsprächen (und etwa der Zeit entstammen, wo ich noch pure (Funktions-)Lust darüber empfand, mit den Händen nach Gegenständen greifen zu können). Hingegen der Leiter der Palliativstation, in der ich in einem Einzelzimmer im Keller eines 1.000 Meter hohen Fachwerkhauses (mit Reetdach) auf den Tod (ich nehme seine nahe Ankunft mit Humor) warte, lobt beispielsweise die Abstrakte Kurzprosa. Sätze wie "Die Durstige liegt kniend in einer mit Kapseln gefüllten Strumpfhose unter einem Baggerführerschein und kocht" – bei denen man mal die Twitter-Tauglichkeit prüfen sollte, und die ich mir hier ja verkneifen musste, um den Massen zu gefallen – entzücken mich nach wie vor. Kein Wunder, denn ist es genau der Style, mit dem ich, in meiner vorletzten Schaffensperiode, viele Hefte handschriftlich füllte und lose Papiere vollschrieb, die ich dann mit Schnürsenkeln durch die mit Locher gestanzten Löcher verschnürte. Künstlerromantik ganz im Geiste der Filme der Gruppe Arnold Hau, die es mir wohl erlaubte, mit einem ihrer Filmtitel auch diese meine Schaffensphase zu überschreiben: "Der Bayrische Wald durch die Augen eines Arschfickers gesehen." Das ist natürlich nur Spass, denn so etwas würde ich mir nicht gefallen lassen. Ich erwähne es aber, weil ich mir die Filmsammlung der Gruppe (um Robert Gernhardt übrigens) zu Weihnachten wünsche (hoffentlich liest das eine relevante Person). Es gibt sie zum Beispiel bei einem großen Anbieter, den ich jetzt mal, ich hoffe, man versteht, Nil nenne. Nil, jawohl. Ein sehr langer: Fluss. Und ich lasse das letzte l – zwecks noch genauerer Angleichung – nicht weg. Hoffentlich ist es nicht so Kunstfilm-Dünsch wie der Kram von Robert Rauschenberg oder so.
Ich füge als Anekdote hinzu, dass aus dieser sehr musikalischen Zeit auch der Titel dieses Blogs stammt. Mit einem Fräulein, mit dem ich auf vielschichtige Weise emotional und zwischenmenschlich auf höchst erfreuliche Weise wechselseitig verflochten war, nahm ich in Leipzig in einer Bar Platz, deren hintere Thekenwand ein hohes Spirituosen-Regal mit Cocktailglas-Galerie bald (die altdeutsche Form von 'bildete'), und zwar, grün-blau ausgeleuchtet. Ich, der verliebte Witzbold, sagte: "Willkommen im Kabinett Kalium". Wir schrieben das Jahr 2005. Soweit der Mythos.
Wie dem auch sei, besuchen Sie die Internetseite, immer hereinspaziert, machen Sie schon, na los, ich werde sie auch bald aktualisieren, denn in meiner Schublade gibt es mittlerweile mindestens fünf Geschichtelein, die genau richtig für diesen Ort sind. Vielleicht stimmt das mit den Geschichten auch nicht und ich arbeite gerade (und zwar genau in dieser Zeile) an Vers 11.243 eines gigantischen Versepos (der Titel: "Mein Leben" – haha gosh what a crapmove), meinem privaten Gilgamesch sozusagen.
Sie ist bereits anderthalb Jahre alt, aber fast niemandem bekannt. Aus nicht ganz klaren (psychologischen) Gründen habe ich sie geheim gehalten. Man sagt, ich habe es nicht so sehr mit Selbstbewusstsein. Das Verhältnis des Menschen zu seinen eigenen Produkten ist sowieso u n g l a u b l i c h interessant. Es ist halt schwierig. Mein Kinderarzt sagt, dass manches auf der Seite, etwa die Bilder oder die Klavierstücke, nicht mehr dem Stand meiner Entwicklung entsprächen (und etwa der Zeit entstammen, wo ich noch pure (Funktions-)Lust darüber empfand, mit den Händen nach Gegenständen greifen zu können). Hingegen der Leiter der Palliativstation, in der ich in einem Einzelzimmer im Keller eines 1.000 Meter hohen Fachwerkhauses (mit Reetdach) auf den Tod (ich nehme seine nahe Ankunft mit Humor) warte, lobt beispielsweise die Abstrakte Kurzprosa. Sätze wie "Die Durstige liegt kniend in einer mit Kapseln gefüllten Strumpfhose unter einem Baggerführerschein und kocht" – bei denen man mal die Twitter-Tauglichkeit prüfen sollte, und die ich mir hier ja verkneifen musste, um den Massen zu gefallen – entzücken mich nach wie vor. Kein Wunder, denn ist es genau der Style, mit dem ich, in meiner vorletzten Schaffensperiode, viele Hefte handschriftlich füllte und lose Papiere vollschrieb, die ich dann mit Schnürsenkeln durch die mit Locher gestanzten Löcher verschnürte. Künstlerromantik ganz im Geiste der Filme der Gruppe Arnold Hau, die es mir wohl erlaubte, mit einem ihrer Filmtitel auch diese meine Schaffensphase zu überschreiben: "Der Bayrische Wald durch die Augen eines Arschfickers gesehen." Das ist natürlich nur Spass, denn so etwas würde ich mir nicht gefallen lassen. Ich erwähne es aber, weil ich mir die Filmsammlung der Gruppe (um Robert Gernhardt übrigens) zu Weihnachten wünsche (hoffentlich liest das eine relevante Person). Es gibt sie zum Beispiel bei einem großen Anbieter, den ich jetzt mal, ich hoffe, man versteht, Nil nenne. Nil, jawohl. Ein sehr langer: Fluss. Und ich lasse das letzte l – zwecks noch genauerer Angleichung – nicht weg. Hoffentlich ist es nicht so Kunstfilm-Dünsch wie der Kram von Robert Rauschenberg oder so.
Ich füge als Anekdote hinzu, dass aus dieser sehr musikalischen Zeit auch der Titel dieses Blogs stammt. Mit einem Fräulein, mit dem ich auf vielschichtige Weise emotional und zwischenmenschlich auf höchst erfreuliche Weise wechselseitig verflochten war, nahm ich in Leipzig in einer Bar Platz, deren hintere Thekenwand ein hohes Spirituosen-Regal mit Cocktailglas-Galerie bald (die altdeutsche Form von 'bildete'), und zwar, grün-blau ausgeleuchtet. Ich, der verliebte Witzbold, sagte: "Willkommen im Kabinett Kalium". Wir schrieben das Jahr 2005. Soweit der Mythos.
Wie dem auch sei, besuchen Sie die Internetseite, immer hereinspaziert, machen Sie schon, na los, ich werde sie auch bald aktualisieren, denn in meiner Schublade gibt es mittlerweile mindestens fünf Geschichtelein, die genau richtig für diesen Ort sind. Vielleicht stimmt das mit den Geschichten auch nicht und ich arbeite gerade (und zwar genau in dieser Zeile) an Vers 11.243 eines gigantischen Versepos (der Titel: "Mein Leben" – haha gosh what a crapmove), meinem privaten Gilgamesch sozusagen.
Belanglose Bilder mit belanglosem Beta-Carotin
Auf den folgenden Bildern sind keine Menschen zu sehen - ich sage das, weil das ja etwas ist, was durch Betrachten nicht herauszufinden ist. Oder dachten Sie da anders? Aber sicher doch, glauben Sie mir, bei Fotos niemals. Das ist eben so bei der Fotografie. Wenn man nicht explizit darauf hingewiesen wird, dass Menschen abgebildet sind, dann kann man sie nicht erkennen. Und wenn keine abgebildet sind, dann wird man misstrauisch. So ist der Mensch. Fotografie ist eben, und da werden Sie mir rechtgeben, etwas unglaublich Verbales. Das heißt aber viel umfassender, dass man gar nichts erkennen kann, von dem was auf Fotografien abgebildet ist, wenn nicht zuvor mitgeteilt. Ein Umstand, den sich der menschliche Verstand zunutze macht mit dem Ergebnis, dass ein vollständiges Verstehen des Abgebildeten dessen Beschreibung nicht zur Grundlage hat, sondern bereits ist. Zum Vergrößern die Bilder anklicken.
Stellen Sie sich vor, Sie könnten die Augen nicht einfach öffnen und wieder schließen (sondern viel mehr als nur das). Stellen Sie sich außerdem vor, es gäbe genau zehn verschiedene Arten von Gegenständen. Und Sie könnten demnach die Augen auf zehn verschiedene Arten öffnen und wieder schließen, jedesmal mit dem Resultat, dass sie eben genau eine der zehn Arten von Gegenständen sehen könnten. Und die anderen nicht.
Ich habe heute Folgendes im Sportteil der Zeitung gelesen. Ein Fussballspieler wurde nach seinem Selbstverständnis befragt, wie es ihm im neuen Club ergehe, etc. Er antwortete:
"Wir sind wie graues Haar: Wir fragen uns nach uns und mit Vierzig sind wir plötzlich da."
Geschlossene Augen kann man im Übrigen genauso wenig schließen, wie man offene Augen öffnen kann. Probieren Sie es zu Hause aber bitte nicht aus.
Schlafende Menschen wachen niemals auf, wenn sie von schlafenden Menschen berührt werden. Werden sie von wachen Menschen berührt, wachen sie immer auf. Berührt ein wacher Mensch, der andererseits von einem schlafenden Menschen berührt wird, einen schlafenden Menschen, dann überträgt sich die Herzfrequenz des ersten schlafenden Menschen auf den des zweiten Schlafenden. Meist mit erheblichen Übertragungsfehlern.
Seien Sie ehrlich. Wieviele Bilder haben sie bereits angeklickt, um Sie zu vergrößern. Nein, nein. Ich meine nicht hier. Sondern draußen auf der Straße, in Ihrem Leben. Wie viele Menschen haben Sie in ihrem Leben bereits angeklickt, um sie zu vergrößern? Wie viele wollten das überhaupt? Auf wie viele Menschen haben Sie schon einen Doppelklick ausgeführt. Wie oft wurden Sie mit der rechten Maustaste berührt?
Der obigen Abbildung ist die Theorie der Selbstwahrnehmung nach Fuch zu entnehmen. Es finden (mitnichten) Deformationen statt, ein Vogel wird zu einem Schwarm, in dem er fliegt. Fuch bewertet in seinem Ansatz aber nicht, er sagt nicht, dass Selbstwahrnehmung deformiere, fehlerhaft sei, immer blinde Flecken habe, zu Tunnelblicken führe. Hier liegt genau das Spannende in seinem Ansatz, denn er sagt, dass wir wahrnehmen, aber wir nicht wissen, ob wir das Wahrgenommene sind, oder das Wahrnehmende. Ist aber egal. Führt auch nicht weiter.
"Ich hätte gerne einen zurückhaltenden, aggressiven Schuh, einen Schuh, der mir steht. Einen Schuh mit Größe, einen schnellen Schnuh, einen enormen Schuh. Einen künstlerischen Schuh, einen begabten Schuh, einen Schuh mit Vollmacht, mit Befugnis, einen Schuh mit Direktiven, Postulaten, Ambitionen, Kompetenzen. Einen entschlossenen Schuh, einen muskulösen Schuh, einen Schuh der Tat, der großen Worte, der Träume, einen für die Zukunft, einen stürmischen, akribischen Schuh. Einen moralischen Schuh. Einen umsichtigen, rücksichtslosen, peinlichen Schuh. Einen ungefährlichen, harmlosen, paradoxen: Schuh! Einen Schuh für mich und meinen Mann. Ein neuer Schuh für unser Dorf. Einen aktuellen, einen solchen, den man gerne anzieht, einen atmungsaktiven, chlorfrei gebleichten, cholesterinbewussten, schadstoffarmen Schuh. Ohne künstliche Zusätze, Aromastoffe, Emulgatoren, Katalysatoren, einen Schuh für Millionen, einen Schuh - Ihr Fernsehpfarrer, einen Schuh am Mittag, einen Wer-wird-Schuh? Einen Schuh - Ihr Sportmagazin im Ersten. Einen Freund und Helfer, einen treuen Gefährten, einen modischen, schicken, zeitgemäßen, beschissenen Schuh. Einen Schuh, der brennt, einen intelligenten Schuh, einen zudringlichen, handgreiflichen Schuh, einen einsturzgefährdeten Schuh, einen Schuh ohne Sollbruchstelle. Einen Schuh mit Korrosionsschutz, einen hitzebeständigen Schuh. Einen Schuh an Zentrale. Einen Schuh ohne Mundschutz, ohne Schulabschluss, ohne Vorurteile. Einen herzlichen, warmen, vertrauensvollen, himbeerfarbenen Schuh. Einen Schuh, der in roter Abendglut in der Dämmerung am Horizont im Ozean verschleißt, einen Schuh der gleißend im Zenit steht, von dem man Sonnenbrand bekommt, einen, der ins Tal schießt, das Geröll zersprengt, tosend und brausend. Einen Schuh, der scheu und aufgescheucht aus dem Unterholz aufschreckt."
"Haben wir nicht."
Stellen Sie sich vor, Sie könnten die Augen nicht einfach öffnen und wieder schließen (sondern viel mehr als nur das). Stellen Sie sich außerdem vor, es gäbe genau zehn verschiedene Arten von Gegenständen. Und Sie könnten demnach die Augen auf zehn verschiedene Arten öffnen und wieder schließen, jedesmal mit dem Resultat, dass sie eben genau eine der zehn Arten von Gegenständen sehen könnten. Und die anderen nicht.
Ich habe heute Folgendes im Sportteil der Zeitung gelesen. Ein Fussballspieler wurde nach seinem Selbstverständnis befragt, wie es ihm im neuen Club ergehe, etc. Er antwortete:"Wir sind wie graues Haar: Wir fragen uns nach uns und mit Vierzig sind wir plötzlich da."
Geschlossene Augen kann man im Übrigen genauso wenig schließen, wie man offene Augen öffnen kann. Probieren Sie es zu Hause aber bitte nicht aus.
Schlafende Menschen wachen niemals auf, wenn sie von schlafenden Menschen berührt werden. Werden sie von wachen Menschen berührt, wachen sie immer auf. Berührt ein wacher Mensch, der andererseits von einem schlafenden Menschen berührt wird, einen schlafenden Menschen, dann überträgt sich die Herzfrequenz des ersten schlafenden Menschen auf den des zweiten Schlafenden. Meist mit erheblichen Übertragungsfehlern.
Seien Sie ehrlich. Wieviele Bilder haben sie bereits angeklickt, um Sie zu vergrößern. Nein, nein. Ich meine nicht hier. Sondern draußen auf der Straße, in Ihrem Leben. Wie viele Menschen haben Sie in ihrem Leben bereits angeklickt, um sie zu vergrößern? Wie viele wollten das überhaupt? Auf wie viele Menschen haben Sie schon einen Doppelklick ausgeführt. Wie oft wurden Sie mit der rechten Maustaste berührt?
Der obigen Abbildung ist die Theorie der Selbstwahrnehmung nach Fuch zu entnehmen. Es finden (mitnichten) Deformationen statt, ein Vogel wird zu einem Schwarm, in dem er fliegt. Fuch bewertet in seinem Ansatz aber nicht, er sagt nicht, dass Selbstwahrnehmung deformiere, fehlerhaft sei, immer blinde Flecken habe, zu Tunnelblicken führe. Hier liegt genau das Spannende in seinem Ansatz, denn er sagt, dass wir wahrnehmen, aber wir nicht wissen, ob wir das Wahrgenommene sind, oder das Wahrnehmende. Ist aber egal. Führt auch nicht weiter.
"Ich hätte gerne einen zurückhaltenden, aggressiven Schuh, einen Schuh, der mir steht. Einen Schuh mit Größe, einen schnellen Schnuh, einen enormen Schuh. Einen künstlerischen Schuh, einen begabten Schuh, einen Schuh mit Vollmacht, mit Befugnis, einen Schuh mit Direktiven, Postulaten, Ambitionen, Kompetenzen. Einen entschlossenen Schuh, einen muskulösen Schuh, einen Schuh der Tat, der großen Worte, der Träume, einen für die Zukunft, einen stürmischen, akribischen Schuh. Einen moralischen Schuh. Einen umsichtigen, rücksichtslosen, peinlichen Schuh. Einen ungefährlichen, harmlosen, paradoxen: Schuh! Einen Schuh für mich und meinen Mann. Ein neuer Schuh für unser Dorf. Einen aktuellen, einen solchen, den man gerne anzieht, einen atmungsaktiven, chlorfrei gebleichten, cholesterinbewussten, schadstoffarmen Schuh. Ohne künstliche Zusätze, Aromastoffe, Emulgatoren, Katalysatoren, einen Schuh für Millionen, einen Schuh - Ihr Fernsehpfarrer, einen Schuh am Mittag, einen Wer-wird-Schuh? Einen Schuh - Ihr Sportmagazin im Ersten. Einen Freund und Helfer, einen treuen Gefährten, einen modischen, schicken, zeitgemäßen, beschissenen Schuh. Einen Schuh, der brennt, einen intelligenten Schuh, einen zudringlichen, handgreiflichen Schuh, einen einsturzgefährdeten Schuh, einen Schuh ohne Sollbruchstelle. Einen Schuh mit Korrosionsschutz, einen hitzebeständigen Schuh. Einen Schuh an Zentrale. Einen Schuh ohne Mundschutz, ohne Schulabschluss, ohne Vorurteile. Einen herzlichen, warmen, vertrauensvollen, himbeerfarbenen Schuh. Einen Schuh, der in roter Abendglut in der Dämmerung am Horizont im Ozean verschleißt, einen Schuh der gleißend im Zenit steht, von dem man Sonnenbrand bekommt, einen, der ins Tal schießt, das Geröll zersprengt, tosend und brausend. Einen Schuh, der scheu und aufgescheucht aus dem Unterholz aufschreckt."
"Haben wir nicht."
Rückblick auf die weltweiten Gurken-Exzesse der letzten Tage
Was mit Gurken eigentlich los ist: Wir wissen es jetzt. Die Menschen wissen es jetzt. Wir haben es in Erfahrung gebracht: Die Gurke ist besiegt. Am ersten November ging die Pressemitteilung raus. Als nächstes ist der Kohlkopf dran, nein, der war schon. Dann eben der Kürbis und dann der Bergahorn und dann die Spitzmaus. Die Gurke ist nackt, ihr Genom ist entschlüsselt, lasset uns beten: Das siebte sequenzierte Pflanzenerbgut, 100 japanische Wissenschaftler, 350 Millionen Basenpaare. Es ist vorüber. Muss das langweilig gewesen sein. Die Entschlüsselung, das Aufschreiben. Welches Gemüse ist als nächstes dran?
Basenpaare: Der Mensch hat drei Milliarden (das sind 750 Megabyte Information). Er hat es auch weiter gebracht. Entschieden weiter, denn: Wann wird es der ersten Gurke gelingen, das menschliche Erbgut zu entschlüsseln? Nie. Das ist gewiss, das liegt außerhalb der Möglichkeiten des jetzt in neuen Forschungsarbeiten völlig bloß gestellten Gemüses. Die Gurke ist doof, und jetzt ist sie nackt. Der kleinen Gurke ist kalt, und niemand hat sie gern. Im Ruhrgebiet sagt man: Alle Kartoffeln (=Deutsche) sind Opfer. Kartoffeln aufs Maul – Aber Gurke (=Gemüse) geht auch.
Der Kohlkopf ist auch schon entschlüsselt. Das Erbgut von etwa zwei Dutzend Säugetierarten kennt man schon HEUTE. Man kennt auch den Teichmolch ganz gut. Der kleine Teichmolch. Wisst ihr was den Teichmolch zum Versager macht, zur Hassfigur? Er hat mehr Basenpaare als der Mensch. Etwa zehn Mal so viel. Der Mensch hat weniger Adenosin,Thymin – den Rest hab‘ ich vergessen – und Nukleotide oder so, Mann, Verbindungen eben, Basenpaare halt, als das genannte Amphib. Will der uns eigentlich verarschen der kleine scheiß Teichmolch? Glaubt er etwa, er habe was drauf? Die dumme kleine scheiß Kreatur. Schleimige kleine scheiß Sau! Hahaha! Du tust mir so leid ey, du bist so schizo.
Na, wer will denn so despictirlich reden von de kleine grüne Kamerad? Eigentlich gilt: Je größer das Genom, desto komplexer das Lebewesen. Aber es gibt keinen Grund sich aufzuregen. Vor allen auch primitive Organismen, Amöben, Urfarne, solche Sachen haben eine Genomgröße von bis zu einer Billion Basenpaaren. Manche Sequenzen wiederholen sich hier jedoch so oft, manche sind an der Proteinsynthese in einem solchen Grade nicht beteiligt, dass man sie eigentlich nicht mitzählen sollte, wenn man einen fairen Wettkampf will. Unwichtig also hinsichtlich der Vormachtstellung des Menschen im Universum des Lebens.
Und auch die Gurke hat daran nichts geändert. Aber – eine Frage noch: Was hilft uns das jetzt? Können wir jetzt Gurken züchten, die wir per Fernbedienung zum Staubsaugen abkommandieren können? Oder werden uns in Zukunft Gurken unsere Getränke bringen? Oder gibt es bald Gurken in jeder beliebigen Form? Als Sitzkissen, Gurken mit einer lustspendenden Eichel vorne, Gurken als Zahnspangen? Gurken so klein wie Zäpfchen? So groß, dass wir endlich einen weiteren Erdtrabanten erschaffen können?
Ihr wisst genau wovon ich rede: Den Abend, als ich das mit der Gurke erfahren habe, werde ich so schnell nicht vergessen. Mit ein paar Freunden war ich mit Bier und Knabbereien vor dem Fernseher. Ganz zufällig. Normale Freizeit. Der Film war nicht schlecht spannend. Wir saßen alle mit offenen Mündern da und hätten wir nicht gebannt auf den TV-Apparat gestarrt, hätten wir sehen können, wie der Speichel auf unseren Zungen die Salzstangenstücke zersetzt. (Für den Speichel ist es sicherlich neu gewesen, an der freien Luft zu arbeiten).
Plötzlich wurde die Tür aufgestoßen. Meine Freundin kam herein und schrie, wobei sie die Arme hochriss: „Das Genom der Gurke ist entschlüsselt!“ Wow! Boah, wow!
Zeitlupe. Begeisterung ist die fünfte Dimension. Wir – Wir schleuderten aus den Sofasitzen. Wir rissen die Mäuler noch weiter auf, fielen uns in die Arme – wie geil ist das denn – und schrien vor Jubel. Nein, wir wüteten vor Jubel. Wir sprangen, schlugen, stießen – unglaublich: Masseneuphorie von zehntausenden Menschen konzentriert auf ein Wohnzimmer. Unsere Muskeln. Unser Zorn. Die Tränen flossen uns aus den Augen, wir jubelten, schrien – und wurden dabei unmerklich aggressiv. Der Ton des Schreiens heiserer und schmaler, wurde immer monotoner, verwandelte sich – unter unserem Entsetzen – und wurde zu einem Knistern, einem Kribbeln, Mikrowelle, Weißes Rauschen, Störgeräusch, Signal, es war als ob unsere Gehirne nur noch Bilddaten empfingen. Mehrere junge Menschen, im Jubel eingefroren. Das Rauschen wurde unerträglich und plötzlich war es ein Fiepen, ununterbrochen. Sinus Orkan Sinus. Dann setzte es aus und wieder ein, und aus und ein unerträglich lautes Besetztzeichen, wir waren starr vor Schreck und nur noch Masse. Was geschah? Dann entwickelte sich Melodie, wir, dann Rhythmus, wir, dann Freude, so klang das Paradies! Das Paradies. Heimat. Und jetzt wurde die Play-Taste der Zeit wieder gedrückt! Wir dancten zu unserer inneren Stimme. Wir dancten vor Glück. Dance! Grotesk.
Ich weiß nur noch: Später: Die Massen auf den Straßen. Die Krawalle, Exzesse, der öffentliche Sex. Aber ihr wisst es ja auch. Ihr habt ja das gleiche erlebt. Ihr habt euch, ich weiß es Freunde, ihr habt auch Gurkeneintopf gemacht. Ihr wollt es vergessen, aber ihr habt euch Gurkeneintopf gemacht. Gurken abgeleckt, zerschlagen, zu Brei, euch damit eingerieben. Darin gewälzt. War das eine Nacht. Unsere wilden Körper. Unsere Bodys. Unser Verstand.
Der nächste Morgen. Die nächsten Tage. Was ist passiert? Was bringt uns das verfluchte Genom der Gurke? Entschuldigt bitte, es handelt sich um das Genom der G-U-R-K-E. Wisst ihr, was ich meine? Was war denn mit uns los auf den Straßen, was haben wir angerichtet? Was hat uns so ekelhaft aufgegeilt und so in Freudewucherungen versetzt? Wieviele Menschen wurden aus Freude, das muss man sich mal vorstellen, aus Freude verletzt? Wieviele Unschuldige sind für den Rest ihres Lebens verstört? Sollten wir uns nicht schämen für die ganze Sauerei? Und keiner redet darüber! Seid ihr denn von allen guten Geistern...
Außerdem: Wir wissen ja gar nicht, wozu die einzelnen Teile der Kette gut sind, welches Protein wo synthetisiert wird, wir haben 350 Millionen Basenpaare, aufgelistet in mindestens monatelanger Arbeit. Und ihre Funktion ist uns unklar. Es hilft uns doch gar nichts! Wir kennen jetzt 350 Millionen Postleitzahlen aber nicht die entsprechenden Orte. Ist das die Orientierung, in deren Genuss uns die Wissenschaft bringt, weshalb sie unsere Religion ist? Für die Gläubigen: Lasset uns beten, dass es so geil weitergeht. We love that century.
Basenpaare: Der Mensch hat drei Milliarden (das sind 750 Megabyte Information). Er hat es auch weiter gebracht. Entschieden weiter, denn: Wann wird es der ersten Gurke gelingen, das menschliche Erbgut zu entschlüsseln? Nie. Das ist gewiss, das liegt außerhalb der Möglichkeiten des jetzt in neuen Forschungsarbeiten völlig bloß gestellten Gemüses. Die Gurke ist doof, und jetzt ist sie nackt. Der kleinen Gurke ist kalt, und niemand hat sie gern. Im Ruhrgebiet sagt man: Alle Kartoffeln (=Deutsche) sind Opfer. Kartoffeln aufs Maul – Aber Gurke (=Gemüse) geht auch.
Der Kohlkopf ist auch schon entschlüsselt. Das Erbgut von etwa zwei Dutzend Säugetierarten kennt man schon HEUTE. Man kennt auch den Teichmolch ganz gut. Der kleine Teichmolch. Wisst ihr was den Teichmolch zum Versager macht, zur Hassfigur? Er hat mehr Basenpaare als der Mensch. Etwa zehn Mal so viel. Der Mensch hat weniger Adenosin,Thymin – den Rest hab‘ ich vergessen – und Nukleotide oder so, Mann, Verbindungen eben, Basenpaare halt, als das genannte Amphib. Will der uns eigentlich verarschen der kleine scheiß Teichmolch? Glaubt er etwa, er habe was drauf? Die dumme kleine scheiß Kreatur. Schleimige kleine scheiß Sau! Hahaha! Du tust mir so leid ey, du bist so schizo.
Na, wer will denn so despictirlich reden von de kleine grüne Kamerad? Eigentlich gilt: Je größer das Genom, desto komplexer das Lebewesen. Aber es gibt keinen Grund sich aufzuregen. Vor allen auch primitive Organismen, Amöben, Urfarne, solche Sachen haben eine Genomgröße von bis zu einer Billion Basenpaaren. Manche Sequenzen wiederholen sich hier jedoch so oft, manche sind an der Proteinsynthese in einem solchen Grade nicht beteiligt, dass man sie eigentlich nicht mitzählen sollte, wenn man einen fairen Wettkampf will. Unwichtig also hinsichtlich der Vormachtstellung des Menschen im Universum des Lebens.
Und auch die Gurke hat daran nichts geändert. Aber – eine Frage noch: Was hilft uns das jetzt? Können wir jetzt Gurken züchten, die wir per Fernbedienung zum Staubsaugen abkommandieren können? Oder werden uns in Zukunft Gurken unsere Getränke bringen? Oder gibt es bald Gurken in jeder beliebigen Form? Als Sitzkissen, Gurken mit einer lustspendenden Eichel vorne, Gurken als Zahnspangen? Gurken so klein wie Zäpfchen? So groß, dass wir endlich einen weiteren Erdtrabanten erschaffen können?
Ihr wisst genau wovon ich rede: Den Abend, als ich das mit der Gurke erfahren habe, werde ich so schnell nicht vergessen. Mit ein paar Freunden war ich mit Bier und Knabbereien vor dem Fernseher. Ganz zufällig. Normale Freizeit. Der Film war nicht schlecht spannend. Wir saßen alle mit offenen Mündern da und hätten wir nicht gebannt auf den TV-Apparat gestarrt, hätten wir sehen können, wie der Speichel auf unseren Zungen die Salzstangenstücke zersetzt. (Für den Speichel ist es sicherlich neu gewesen, an der freien Luft zu arbeiten).
Plötzlich wurde die Tür aufgestoßen. Meine Freundin kam herein und schrie, wobei sie die Arme hochriss: „Das Genom der Gurke ist entschlüsselt!“ Wow! Boah, wow!
Zeitlupe. Begeisterung ist die fünfte Dimension. Wir – Wir schleuderten aus den Sofasitzen. Wir rissen die Mäuler noch weiter auf, fielen uns in die Arme – wie geil ist das denn – und schrien vor Jubel. Nein, wir wüteten vor Jubel. Wir sprangen, schlugen, stießen – unglaublich: Masseneuphorie von zehntausenden Menschen konzentriert auf ein Wohnzimmer. Unsere Muskeln. Unser Zorn. Die Tränen flossen uns aus den Augen, wir jubelten, schrien – und wurden dabei unmerklich aggressiv. Der Ton des Schreiens heiserer und schmaler, wurde immer monotoner, verwandelte sich – unter unserem Entsetzen – und wurde zu einem Knistern, einem Kribbeln, Mikrowelle, Weißes Rauschen, Störgeräusch, Signal, es war als ob unsere Gehirne nur noch Bilddaten empfingen. Mehrere junge Menschen, im Jubel eingefroren. Das Rauschen wurde unerträglich und plötzlich war es ein Fiepen, ununterbrochen. Sinus Orkan Sinus. Dann setzte es aus und wieder ein, und aus und ein unerträglich lautes Besetztzeichen, wir waren starr vor Schreck und nur noch Masse. Was geschah? Dann entwickelte sich Melodie, wir, dann Rhythmus, wir, dann Freude, so klang das Paradies! Das Paradies. Heimat. Und jetzt wurde die Play-Taste der Zeit wieder gedrückt! Wir dancten zu unserer inneren Stimme. Wir dancten vor Glück. Dance! Grotesk.
Ich weiß nur noch: Später: Die Massen auf den Straßen. Die Krawalle, Exzesse, der öffentliche Sex. Aber ihr wisst es ja auch. Ihr habt ja das gleiche erlebt. Ihr habt euch, ich weiß es Freunde, ihr habt auch Gurkeneintopf gemacht. Ihr wollt es vergessen, aber ihr habt euch Gurkeneintopf gemacht. Gurken abgeleckt, zerschlagen, zu Brei, euch damit eingerieben. Darin gewälzt. War das eine Nacht. Unsere wilden Körper. Unsere Bodys. Unser Verstand.
Der nächste Morgen. Die nächsten Tage. Was ist passiert? Was bringt uns das verfluchte Genom der Gurke? Entschuldigt bitte, es handelt sich um das Genom der G-U-R-K-E. Wisst ihr, was ich meine? Was war denn mit uns los auf den Straßen, was haben wir angerichtet? Was hat uns so ekelhaft aufgegeilt und so in Freudewucherungen versetzt? Wieviele Menschen wurden aus Freude, das muss man sich mal vorstellen, aus Freude verletzt? Wieviele Unschuldige sind für den Rest ihres Lebens verstört? Sollten wir uns nicht schämen für die ganze Sauerei? Und keiner redet darüber! Seid ihr denn von allen guten Geistern...
Außerdem: Wir wissen ja gar nicht, wozu die einzelnen Teile der Kette gut sind, welches Protein wo synthetisiert wird, wir haben 350 Millionen Basenpaare, aufgelistet in mindestens monatelanger Arbeit. Und ihre Funktion ist uns unklar. Es hilft uns doch gar nichts! Wir kennen jetzt 350 Millionen Postleitzahlen aber nicht die entsprechenden Orte. Ist das die Orientierung, in deren Genuss uns die Wissenschaft bringt, weshalb sie unsere Religion ist? Für die Gläubigen: Lasset uns beten, dass es so geil weitergeht. We love that century.
Die Kunstblutlüge
Im folgenden Stück spielen drei Hauptpersonen. Eine, das ist der Vermieter, ihn nenne ich Mr. Nice. Er vermietet zwei Zimmer seiner Wohnung, in der er auch selbst wohnt. Einer der Mitbewohner ist Mr. Happy. Er ist dort vor sechs Wochen eingezogen. Der andere Bewohner, Mr. Lucky, wohnt erst seit kurzem dort. Kurz heißen die dramatis personae: Nice, Happy und Lucky. Ob es die folgende Geschichte so wirklich gibt, ist ungewiss. Übereinstimmungen mit der Wirklichkeit sind zufällig und nicht gewollt. Das heißt, um den winzigen wahrheitsgemäßen Kern wickelte sich ähnlich einer lagenweise aufgetragenen Abdichtung eines Wohnhausfundaments Lüge um Lüge. Zuspitzung gesellte sich zu Zuspitzung und so entstand das feige und niederträchtige Fantasiegebilde eines wahnsinnigen Pseudologen (=zwanghafter Lügner).
Luckys neue Wohnung ist einfach traumhaft! Schon von außen ist sie mit ihrer aufwändigen Stuckfassade ein echter Augenschmaus. Innen verfügt der vor Jahren restaurierte Altbau über die beliebten 3,30 Meter hohen Decken, über einen tollen dunklen Holzboden und über viel, viel Platz. Die Wohnung ist großzügig ausgestattet, Bad und Küche bieten alle erdenkliche Kleinigkeiten, die aus dem Wohnen nicht nur ein Wohnfühlen, sondern auch ein Wohlfühlen machen. Das Bad könnte aus einem Fünf-Sterne-Hotel ausgeschnitten und in diese Wohnung hinein geklebt worden zu sein. Eine riesige Badewanne, ein Spiegel, der die gesamte Wandbreite ausnutzt, schöne weiße Kacheln, eine Toilette und Handtuchhalter machen den Aufenthalt zum unvergesslichen Erlebnis, zu einer Oase der Entspannung beziehungsweise der Erleichterung.
In der Küche findet sich ein schnuckeliger Mini-Geschirrspüler. Lucky wollte ihn sofort ausprobieren und schreien, als er das niedliche Ding gesehen hatte! Im Gegensatz dazu liegt die Wohnung außerdem trotz der zentralen Lage erstaunlich ruhig! Lucky will gar nicht damit angeben, dass die Wohnung quasi zu jeder Tageszeit dunkel ist, vor allen Dingen sein Zimmer, denn die großen, ansehnlichen Bäume gegenüber der schmalen Straße spenden jede Menge kühlen Schatten. Er soll nicht so bescheiden sein, er weiß doch genau, dass das Schicksal ihn in Liebeserklärungen ertränkt. Warum sind die Auserwählten jederzeit so edel?
Bei diesen ganzen Vorzügen ist es leicht verkraftbar, dass jetzt wo es Winter ist, die Heizung abgeschaltet ist. Das klingt schlimmer als es ist, denn Nice war so nett, einige Euro-Paletten in den Keller zu werfen. Mit der praktischen Handkreissäge lassen sich diese dann in handliche Stücke zerkleinern. Die mit verbogenen Nägeln bestückten Abfallreste sind das perfekte Futter für den Kachelofen, der im luxuriösen Wohnzimmer eingerichtet ist. Bei ihrem niedrigen Heizwert verbrennen die Pressspanteile und Holzfetzen nahezu effizient wie trockenes Stroh! Und damit es beim Sägen nicht so laut ist, setzt man sich einfach die netterweise hinterlegten Ohrenschützer auf. Und bevor man etwa Staub in den Atmungsapparat kriegt, öffnet man einfach die kleine Luke zur Straße, die gerade groß genug ist, um über die kleine Treppe die Mülltonnen hinausschieben zu können. Glücklicherweise stört der Lärm dann die ganze Nachbarschaft! Das wurde wirklich alles sehr klug eingerichtet. Und damit man sich nicht verletzt, ist in kluger Vorrausicht das Sägeblatt so stumpf gehalten, dass es sich allzeit im Holz verkantet. So kann man sich natürlich weder den Vorderfuß abtrennen, noch in die Säge stolpern, sollte das Sägeblatt doch einmal unerwartet durch die Palette durchgehen. Ansonsten tritt man kurz und beherzt zu und zertrennt das Holz auf diese Weise. Späne schnellen einem beim Sägen eigentlich kaum in die Augen. Wenn Happy und Lucky zu zweit arbeiten, kann einer beispielsweise mit dem Besen gegen das Werkstück halten, damit es nicht entgleitet. Das gemeinschaftliche Arbeiten stärkt das Zusammengehörigkeitsgefühl und sorgt für die solide Grundlage einer möglichen Freundschaft. Am Ende der leichten Tätigkeit werden die Holzspäne in die Ecke gefegt, wo sie Feuchtigkeit aufnehmen können. Happy und Lucky gehen nach dem Sägen erst einmal in die Wohnküche, wo Lucky seine Bettwäsche dürftig trocknet. Denn, es ist nicht nur so, dass die Scheiben in seinem Zimmer nachts anlaufen, was Lucky natürlich sehr gern mag, denn er will nicht dass Menschen bei ihm ins Zimmer sehen können. Es ist auch so, dass durch das fehlende Heizen das ganze Zimmer feucht ist. Die Wärme des Kamins dringt nicht in die Zimmer. Auch Happy hat ein großes Prachtexemplar von Schimmelpilz bei sich in der Zimmerecke. Und niemand kann verstehen, warum er ihn letzte Woche noch wegkratzen wollte. Den Schimmelpilz kann er nicht hören, denn er lässt die ganze Zeit heimlich den Fön laufen, damit er die Raumtemperatur angenehm regulieren kann. Hoffentlich merkt das Nice nicht.
Nice bewohnt selbst auch eines der verfügbaren Zimmer. Klugerweise hat er einen eigenen Ofen in seinem Zimmer, so dass ihn die fehlende Heizung nicht weiter stört. Nice ist ein sehr netter Mensch. Im freundlichen Eingangsbereich der Wohnküche steht ein geräumiger Korb, in dem eine schier unglaubliche Zahl an Briefen Platz findet. Die meisten sind nicht geöffnet, vor allen Dingen diejenigen, die vom Gerichtsvollzieher stammen. Nice ist auch sehr klug. Er arbeitet als sehr erfolgreicher Fotograf. Er ist oft wochenlang nicht da, weil er in dieser Zeit ausländische Auftraggeber mit seinen hervorragenden Ergebnissen überzeugt. Per Mitfahrgelegenheit nimmt Nice in seinem leistungsstarken Auto Menschen mit über die Grenze. Diese Leute haben sehr viel Glück, und wenn sie selbst eine Zigarettenstange oder Alkohol dabei haben sollten, so müssen sie auf den Preis nochmals zehn Euro drauflegen. Das ist sehr fair von Nice, denn angenommen er hat vier Mitfahrer kann er jetzt selbst nur acht Stangen mitnehmen. Nice erzählte Happy und Lucky neulich, dass als er einer seiner Verflossenen eine Stange verkaufte, sie gemeint hätte, dass sie den beiden eine gut gedeckte Haftpflicht wünsche, falls sie mit dem Ofen Unfug anstellten. Aber da kann nichts passieren, es ist ja nur das Ofenrohr und der obere Bereich des Ofens, die sehr heiß werden. Und der ganze Papiermüll hinter dem Ofen ist ja weit genug weg. Für Sicherheit ist umsichtig gesorgt.
Das Wohnklima ist toll, wenn Nice da ist. Entweder er unterrichtet die beiden Novizen in Lebenserfahrung oder erzählt die tollsten Dinge. Die Kücheninsel hat er beispielsweise zwecks sexueller Tätigkeit auch schon genutzt. Auch von den vielfältigen Einsatzmöglichkeiten der Badewanne hat der Lebemann nur Positives zu berichten. Und dass er vor allen Dingen Happy neidisch macht, wenn er von seiner WG im Nachbarland erzählt, ist klar. Der Vierzigjährige wohnt dort mit drei Mädels Anfang Zwanzig und seiner Freundin und erstere hüpfen morgens in Unterwäsche durch den Flur. „Der Nice weiß zu leben“, sagt Happy und lacht.
Der Happy würde wirklich auch mal wieder gerne ran. Der hat gerade ziemlichen Druck, kein Wunder, er als junger Mann steht ja in vollem Saft. Wie toll das wäre, wenn wir hier Frauen in die Bude holen und dann vor dem Kamin sie mit unserem musikalischen Eros bezirzen könnten. Seine Liebesnot ausgenommen ist der Happy immer gut drauf. „Das geht ab“, trötet und flötet er manchmal in den Raum, und zwar zu hundert Prozent intrinsisch motiviert. Happy pfeift auch den ganzen Tag. Damit trägt er in positiver Weise zu einem lebenswerten Umfeld bei. Wenn er hin und wieder mal uffda uffdada oder ma hat ma Glück, ma hat ma Pech, Mahatma Gandhi singt, ist die Stimmung heiter und ausgelassen. Er ist ein großer Fan des Karneval und wenn Lucky nach Hause kommt, klingt aus seinem Zimmer die Aufzeichnung der genannten Veranstaltung aus einem vergangenen Jahr. Happy ist der Meinung, dass man auf seiner Suche nach dem großen Glück nur den Nippel durch die Lasche ziehen muss, und dass man lachen lernen muss und dass die wirklich genialen Texte so aussehen: Klaus-Hinrich war Bauer, kam niemals zur Ruh, versorgte die Schweine, den Stier und die Oma. Rudi Carell, Lucky, das musst du dir mal vorstellen und das 1978. Einfach genial. Happy hat damit in allen wesentlichen Punkten recht. Happy versteht zu feiern. Am Wochenende hat er fünf Jackie-Cola und drei Kölsch getrunken. Unglaublich, aber wahr: für günstige zwei Euro! „Döb döö döb dödö döb döb döb!“ (Zitat Happy) Möglich durch den Bonusgutschein für die ersten hundert Besucher des Clubs, der an diesem Abend die 99-Cent Party erfolgreich neuauflegte. Und sollte demnächst wieder Coco Jambo aus dem Zimmer tönen, dann lächelt Lucky mit hoher Wahrscheinlichkeit mit.
Die Wohnung liegt in einer Stadt, in der es, vor allen Dingen jetzt im Herbst, sehr viel regnet. Das verleiht ihr aber nur noch eine zusätzlich charmante Note. In der Stadt gibt es sehr viele Hunde. Aber Lucky ist vorsichtig, wenn er durch die Straßen läuft, und so tritt er nirgendswo rein. Wenn er in der Mitte der Straße läuft anstatt den Gehweg zu benutzen ist er immer auf der sicheren Mitte. Wenn Lucky morgens früh aus der Haustür tritt, sorgen die Müllautos mit dem kreisenden orangen Licht für eine effektvolle Begrüßung in der Dunkelheit. Die Stadt in der er wohnt, bietet für jeden Geschmack das Richtige. Auch der an zwischenmenschlichen Feinheiten Interessierte kommt in jeder Hinsicht auf seine Kosten! Als Lucky neulich beispielsweise Richtung Karstadt ging, sich eine Hose zu kaufen, stand plötzlich an einer Telefonzelle ein kleiner Junge, dem zwei dünne Blutrinnen aus der Nase troffen. Er war knapp vor dem Heulen und schluchzte, ob nicht jemand ein Taschentuch hätte. „Seid ihr das gewesen?“, rief Lucky hinüber. Einer der beiden gleichaltrigen Jungs, wir nennen ihn Small, in etwas Entfernung rief, dass es nur Kunstblut sei. Der andere der beiden, Little, war weniger vorlaut und meinte, dass Small es übertrieben hätte und ihm auf die Nase gehauen. Lucky verschenkte seine Taschentücher und lief einfach weiter. Die Hose, die er sich dann kaufte, traute er sich bisher noch nicht mit einem seiner Hemden zu kombinieren.
Wenn Lucky spät abends nach der Arbeit aus dem Hauptbahnhof tritt, erwartet ihn die sogenannte Platte. Hier amüsiert sich die Crème de la Crème, ganz vornehme, geschmackvolle Leute. Sie trinken oft Bier und haben schon Gesichtsverletzungen. Manchmal laufen sie über den Beton und rufen aus dem Alkohol: „Ich hab‘ die Hosen an!“ Da muss Lucky immer ganz furchtbar schmunzeln. Er mag Leute mit einem gesunden Selbstbewusstsein. Er selbst wächst ja schließlich auch gerne an seinen Aufgaben. Er mag Leute, die wissen was sie wollen, wie zum Beispiel Happy, der ihm gestern erzählte: „Das mit dem Federweißer und dem süßen Wein, das habe ich schon immer. Und ich glaube nicht, dass ich später herben oder trockenen Wein trinken werde. Das heißt, ich weiß, dass ich es nicht machen werde. Obwohl es schon so viele Leute gesagt haben. Und das schon bei ganz vielen anderen Dingen. Ich habe einfach meine Meinung zu den Dingen.“
Nice ist ja fast nie da, und so verbringen Lucky und Happy die kalten Abende meist alleine in der Wohnung. Lucky trocknet wahrscheinlich gerade seine Bettwäsche oder presst eine Zitrone aus, denn er ist schrecklich erkältet. Wenn er nachts um drei aufwacht, weil sein Zimmer zu kalt ist, setzt er sich vor den gemütlichen Backofen und stellt ihn bei offener Klappe an. Happy schläft wie ein Stein. Und Nice: um drei Uhr? Möge der Alkohol fließen!
Luckys neue Wohnung ist einfach traumhaft! Schon von außen ist sie mit ihrer aufwändigen Stuckfassade ein echter Augenschmaus. Innen verfügt der vor Jahren restaurierte Altbau über die beliebten 3,30 Meter hohen Decken, über einen tollen dunklen Holzboden und über viel, viel Platz. Die Wohnung ist großzügig ausgestattet, Bad und Küche bieten alle erdenkliche Kleinigkeiten, die aus dem Wohnen nicht nur ein Wohnfühlen, sondern auch ein Wohlfühlen machen. Das Bad könnte aus einem Fünf-Sterne-Hotel ausgeschnitten und in diese Wohnung hinein geklebt worden zu sein. Eine riesige Badewanne, ein Spiegel, der die gesamte Wandbreite ausnutzt, schöne weiße Kacheln, eine Toilette und Handtuchhalter machen den Aufenthalt zum unvergesslichen Erlebnis, zu einer Oase der Entspannung beziehungsweise der Erleichterung.
In der Küche findet sich ein schnuckeliger Mini-Geschirrspüler. Lucky wollte ihn sofort ausprobieren und schreien, als er das niedliche Ding gesehen hatte! Im Gegensatz dazu liegt die Wohnung außerdem trotz der zentralen Lage erstaunlich ruhig! Lucky will gar nicht damit angeben, dass die Wohnung quasi zu jeder Tageszeit dunkel ist, vor allen Dingen sein Zimmer, denn die großen, ansehnlichen Bäume gegenüber der schmalen Straße spenden jede Menge kühlen Schatten. Er soll nicht so bescheiden sein, er weiß doch genau, dass das Schicksal ihn in Liebeserklärungen ertränkt. Warum sind die Auserwählten jederzeit so edel?
Bei diesen ganzen Vorzügen ist es leicht verkraftbar, dass jetzt wo es Winter ist, die Heizung abgeschaltet ist. Das klingt schlimmer als es ist, denn Nice war so nett, einige Euro-Paletten in den Keller zu werfen. Mit der praktischen Handkreissäge lassen sich diese dann in handliche Stücke zerkleinern. Die mit verbogenen Nägeln bestückten Abfallreste sind das perfekte Futter für den Kachelofen, der im luxuriösen Wohnzimmer eingerichtet ist. Bei ihrem niedrigen Heizwert verbrennen die Pressspanteile und Holzfetzen nahezu effizient wie trockenes Stroh! Und damit es beim Sägen nicht so laut ist, setzt man sich einfach die netterweise hinterlegten Ohrenschützer auf. Und bevor man etwa Staub in den Atmungsapparat kriegt, öffnet man einfach die kleine Luke zur Straße, die gerade groß genug ist, um über die kleine Treppe die Mülltonnen hinausschieben zu können. Glücklicherweise stört der Lärm dann die ganze Nachbarschaft! Das wurde wirklich alles sehr klug eingerichtet. Und damit man sich nicht verletzt, ist in kluger Vorrausicht das Sägeblatt so stumpf gehalten, dass es sich allzeit im Holz verkantet. So kann man sich natürlich weder den Vorderfuß abtrennen, noch in die Säge stolpern, sollte das Sägeblatt doch einmal unerwartet durch die Palette durchgehen. Ansonsten tritt man kurz und beherzt zu und zertrennt das Holz auf diese Weise. Späne schnellen einem beim Sägen eigentlich kaum in die Augen. Wenn Happy und Lucky zu zweit arbeiten, kann einer beispielsweise mit dem Besen gegen das Werkstück halten, damit es nicht entgleitet. Das gemeinschaftliche Arbeiten stärkt das Zusammengehörigkeitsgefühl und sorgt für die solide Grundlage einer möglichen Freundschaft. Am Ende der leichten Tätigkeit werden die Holzspäne in die Ecke gefegt, wo sie Feuchtigkeit aufnehmen können. Happy und Lucky gehen nach dem Sägen erst einmal in die Wohnküche, wo Lucky seine Bettwäsche dürftig trocknet. Denn, es ist nicht nur so, dass die Scheiben in seinem Zimmer nachts anlaufen, was Lucky natürlich sehr gern mag, denn er will nicht dass Menschen bei ihm ins Zimmer sehen können. Es ist auch so, dass durch das fehlende Heizen das ganze Zimmer feucht ist. Die Wärme des Kamins dringt nicht in die Zimmer. Auch Happy hat ein großes Prachtexemplar von Schimmelpilz bei sich in der Zimmerecke. Und niemand kann verstehen, warum er ihn letzte Woche noch wegkratzen wollte. Den Schimmelpilz kann er nicht hören, denn er lässt die ganze Zeit heimlich den Fön laufen, damit er die Raumtemperatur angenehm regulieren kann. Hoffentlich merkt das Nice nicht.
Nice bewohnt selbst auch eines der verfügbaren Zimmer. Klugerweise hat er einen eigenen Ofen in seinem Zimmer, so dass ihn die fehlende Heizung nicht weiter stört. Nice ist ein sehr netter Mensch. Im freundlichen Eingangsbereich der Wohnküche steht ein geräumiger Korb, in dem eine schier unglaubliche Zahl an Briefen Platz findet. Die meisten sind nicht geöffnet, vor allen Dingen diejenigen, die vom Gerichtsvollzieher stammen. Nice ist auch sehr klug. Er arbeitet als sehr erfolgreicher Fotograf. Er ist oft wochenlang nicht da, weil er in dieser Zeit ausländische Auftraggeber mit seinen hervorragenden Ergebnissen überzeugt. Per Mitfahrgelegenheit nimmt Nice in seinem leistungsstarken Auto Menschen mit über die Grenze. Diese Leute haben sehr viel Glück, und wenn sie selbst eine Zigarettenstange oder Alkohol dabei haben sollten, so müssen sie auf den Preis nochmals zehn Euro drauflegen. Das ist sehr fair von Nice, denn angenommen er hat vier Mitfahrer kann er jetzt selbst nur acht Stangen mitnehmen. Nice erzählte Happy und Lucky neulich, dass als er einer seiner Verflossenen eine Stange verkaufte, sie gemeint hätte, dass sie den beiden eine gut gedeckte Haftpflicht wünsche, falls sie mit dem Ofen Unfug anstellten. Aber da kann nichts passieren, es ist ja nur das Ofenrohr und der obere Bereich des Ofens, die sehr heiß werden. Und der ganze Papiermüll hinter dem Ofen ist ja weit genug weg. Für Sicherheit ist umsichtig gesorgt.
Das Wohnklima ist toll, wenn Nice da ist. Entweder er unterrichtet die beiden Novizen in Lebenserfahrung oder erzählt die tollsten Dinge. Die Kücheninsel hat er beispielsweise zwecks sexueller Tätigkeit auch schon genutzt. Auch von den vielfältigen Einsatzmöglichkeiten der Badewanne hat der Lebemann nur Positives zu berichten. Und dass er vor allen Dingen Happy neidisch macht, wenn er von seiner WG im Nachbarland erzählt, ist klar. Der Vierzigjährige wohnt dort mit drei Mädels Anfang Zwanzig und seiner Freundin und erstere hüpfen morgens in Unterwäsche durch den Flur. „Der Nice weiß zu leben“, sagt Happy und lacht.
Der Happy würde wirklich auch mal wieder gerne ran. Der hat gerade ziemlichen Druck, kein Wunder, er als junger Mann steht ja in vollem Saft. Wie toll das wäre, wenn wir hier Frauen in die Bude holen und dann vor dem Kamin sie mit unserem musikalischen Eros bezirzen könnten. Seine Liebesnot ausgenommen ist der Happy immer gut drauf. „Das geht ab“, trötet und flötet er manchmal in den Raum, und zwar zu hundert Prozent intrinsisch motiviert. Happy pfeift auch den ganzen Tag. Damit trägt er in positiver Weise zu einem lebenswerten Umfeld bei. Wenn er hin und wieder mal uffda uffdada oder ma hat ma Glück, ma hat ma Pech, Mahatma Gandhi singt, ist die Stimmung heiter und ausgelassen. Er ist ein großer Fan des Karneval und wenn Lucky nach Hause kommt, klingt aus seinem Zimmer die Aufzeichnung der genannten Veranstaltung aus einem vergangenen Jahr. Happy ist der Meinung, dass man auf seiner Suche nach dem großen Glück nur den Nippel durch die Lasche ziehen muss, und dass man lachen lernen muss und dass die wirklich genialen Texte so aussehen: Klaus-Hinrich war Bauer, kam niemals zur Ruh, versorgte die Schweine, den Stier und die Oma. Rudi Carell, Lucky, das musst du dir mal vorstellen und das 1978. Einfach genial. Happy hat damit in allen wesentlichen Punkten recht. Happy versteht zu feiern. Am Wochenende hat er fünf Jackie-Cola und drei Kölsch getrunken. Unglaublich, aber wahr: für günstige zwei Euro! „Döb döö döb dödö döb döb döb!“ (Zitat Happy) Möglich durch den Bonusgutschein für die ersten hundert Besucher des Clubs, der an diesem Abend die 99-Cent Party erfolgreich neuauflegte. Und sollte demnächst wieder Coco Jambo aus dem Zimmer tönen, dann lächelt Lucky mit hoher Wahrscheinlichkeit mit.
Die Wohnung liegt in einer Stadt, in der es, vor allen Dingen jetzt im Herbst, sehr viel regnet. Das verleiht ihr aber nur noch eine zusätzlich charmante Note. In der Stadt gibt es sehr viele Hunde. Aber Lucky ist vorsichtig, wenn er durch die Straßen läuft, und so tritt er nirgendswo rein. Wenn er in der Mitte der Straße läuft anstatt den Gehweg zu benutzen ist er immer auf der sicheren Mitte. Wenn Lucky morgens früh aus der Haustür tritt, sorgen die Müllautos mit dem kreisenden orangen Licht für eine effektvolle Begrüßung in der Dunkelheit. Die Stadt in der er wohnt, bietet für jeden Geschmack das Richtige. Auch der an zwischenmenschlichen Feinheiten Interessierte kommt in jeder Hinsicht auf seine Kosten! Als Lucky neulich beispielsweise Richtung Karstadt ging, sich eine Hose zu kaufen, stand plötzlich an einer Telefonzelle ein kleiner Junge, dem zwei dünne Blutrinnen aus der Nase troffen. Er war knapp vor dem Heulen und schluchzte, ob nicht jemand ein Taschentuch hätte. „Seid ihr das gewesen?“, rief Lucky hinüber. Einer der beiden gleichaltrigen Jungs, wir nennen ihn Small, in etwas Entfernung rief, dass es nur Kunstblut sei. Der andere der beiden, Little, war weniger vorlaut und meinte, dass Small es übertrieben hätte und ihm auf die Nase gehauen. Lucky verschenkte seine Taschentücher und lief einfach weiter. Die Hose, die er sich dann kaufte, traute er sich bisher noch nicht mit einem seiner Hemden zu kombinieren.
Wenn Lucky spät abends nach der Arbeit aus dem Hauptbahnhof tritt, erwartet ihn die sogenannte Platte. Hier amüsiert sich die Crème de la Crème, ganz vornehme, geschmackvolle Leute. Sie trinken oft Bier und haben schon Gesichtsverletzungen. Manchmal laufen sie über den Beton und rufen aus dem Alkohol: „Ich hab‘ die Hosen an!“ Da muss Lucky immer ganz furchtbar schmunzeln. Er mag Leute mit einem gesunden Selbstbewusstsein. Er selbst wächst ja schließlich auch gerne an seinen Aufgaben. Er mag Leute, die wissen was sie wollen, wie zum Beispiel Happy, der ihm gestern erzählte: „Das mit dem Federweißer und dem süßen Wein, das habe ich schon immer. Und ich glaube nicht, dass ich später herben oder trockenen Wein trinken werde. Das heißt, ich weiß, dass ich es nicht machen werde. Obwohl es schon so viele Leute gesagt haben. Und das schon bei ganz vielen anderen Dingen. Ich habe einfach meine Meinung zu den Dingen.“
Nice ist ja fast nie da, und so verbringen Lucky und Happy die kalten Abende meist alleine in der Wohnung. Lucky trocknet wahrscheinlich gerade seine Bettwäsche oder presst eine Zitrone aus, denn er ist schrecklich erkältet. Wenn er nachts um drei aufwacht, weil sein Zimmer zu kalt ist, setzt er sich vor den gemütlichen Backofen und stellt ihn bei offener Klappe an. Happy schläft wie ein Stein. Und Nice: um drei Uhr? Möge der Alkohol fließen!
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